Ein Sprecher der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDLP), der größten nordirischen Oppositionsgruppe, kennzeichnete zu Wochenbeginn den Ernst der Lage mit dem Satz: „Die Frage heißt jetzt nicht, ob wir einen Bürgerkrieg erleben werden, sondern wann.“ Am Wochenende hatte der sogenannte Provisorische Flügel der verbotenen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) den knapp vierzehntägigen Waffenstillstand aufgekündigt, der ohnehin von Schießereien, Anschlägen und Bombenexplosionen unterbrochen war, und eine Terrorwelle von bisher unbekanntem Ausmaß begonnen. 15 Menschen starben in den beiden Wochen – einige davon deutlich erkennbar als Opfer grausamer katholisch-protestantischer Auseinandersetzungen; in den ersten 24 Stunden des wiederaufgeflammten Kampfes waren es allein sieben; 414 seit Beginn der Unruhen.

Die IRA drohte, es werde weitere Opfer geben. Ein neuer Waffenstillstand setze voraus, daß London offiziell darum bitte – so der gesuchte „Stabschef“ der Provisorischen, MacStiofain.

Nordirland-Minister Whitelaw, der nun vor den Trümmern seiner Versöhnungspolitik steht, erklärte am Montag dem Unterhaus, daß er am Freitag voriger Woche mit der IRA verhandelt habe, Deren Bedingungen seien allerdings unannehmbar gewesen: Abzug aller britischen Truppen bis zum 1. Januar 1975 (sie wurden am Dienstag um 1200 auf über 17 000 Mann, verstärkt); sofortiger Rückzug „aus empfindlichen Gebieten“; Generalamnestie für alle internierten, inhaftierten und gesuchten irischen Republikaner und die öffentliche Anerkennung, daß das irische Volk das Recht besitze, über das Schicksal der ganzen Insel (also auch Nordirlands) frei zu entscheiden.

Die Aktionen der katholischen Terroristen fallen mit ultimativen Drohungen der militanten protestantischen Organisation „Ulster Defence Association“ (UDA) zusammen. Bis zum vergangenen Wochenende hatte die UDA, die nach eigenen Angaben 43 000 Mitglieder zählt, bereits sechs Sperrbezirke geschaffen; sie gab bekannt, daß sie weitere „No-Go-Zonen“ errichten werde. Whitelaws Taktik, die IRA durch Entlassung der meisten ihrer rund 950 inhaftierten Mitglieder zu besänftigen, hat die UDA zur neuen Widersacherin des britischen Ministers gemacht. Bis jetzt hat sie freilich auf blutige Abrechnungen verzichtet und sich darauf konzentriert, Whitelaw in Nordirland politisch zu isolieren.

Die protestantische „Ulster-Vanguard“-Bewegung kündigte dagegen für die nahe Zukunft den „endgültigen zermalmenden Schlag“ an: Eine „Armee“ von 60 000 Mann stehe bereit, falls die britischen Truppen nicht schärfer gegen die IRA vorgingen.