Der Schmutz ist in etwa ebenso relativ wie alles andere in dieser Welt. Das müssen zumindest Umweltschützer und – noch mehr – Umweltverschmutzer zunehmend akzeptieren. Auf der Suche nach absoluten Werten für den Grad der Verseuchung – sei es Blei, Radioaktivität oder Kohlendioxyd – stoßen Forscher mitunter auf verblüffend hohe Anteile „natürlicher“ Umweltverschmutzung.

Wenn jedoch die natürlichen Werte so hoch sind, daß die von Menschen verursachten Dreckmengen dagegen vernachlässigbar gering erscheinen, so tobt die Umweltdiskussion – nach Meinung des britischen Fachblatts New Scientist – mitunter „wie ein Sturm im Wasserglas“.

Auch die „Champions des ölzeitalters“ (so New Scientist) versuchen neuerdings, ihren Schmutz Mutter Natur in die Schuhe zu schieben. Nicht der nachlässige, fahrlässige oder auch unabwendbare Verlust von Rohöl oder Mineralölprodukten aus der lecken technischen Zivilisation sei für den Löwenanteil an der Verschmutzung der Ozeane zuständig, sondern der natürliche Sickerverlust aus unterseeischen Öllagerstätten. Also wären Meeresorganismen durch das bißchen menschliche Ölpest kaum gefährdet: Sie hätten ja über geologische Zeiträume hinweg Gelegenheit gehabt, sich an Öl in ihrer Umwelt zu gewöhnen.

Doch die Öl-Champions liegen mit ihrer Argumentation schief. Das bewies jetzt der US-Forscher Max Blumer von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts mit einem simplen Rechenexempel in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ (Vol. 176, Seite 1257). Blumer nahm großzügig an;daß die gesamten Offshore-Reserven der Erde einige 100. Milliarden Tonnen Öl umfassen. Nach anderen Schätzungen fließen jährlich eine bis zehn Millionen Tonnen Öl aus verschiedenen – natürlichen und künstlichen – Quellen ins Meer. Wenn die natürliche Ölverschmutzung, so Blumer weiter, für etwa fünf Millionen Tonnen jährlich zuständig sein soll (wie das die öllobby glauben machen will), dann würden die gesamten heute bekannten unterseeischen Reserven in 20 000 Jahren ausgesickert sein.

öllagerstätten sind jedoch, das konnte sich Blumer von Geologen bestätigen lassen, mindestens zwei Millionen Jahre alt, können aber auch vor 100 Millionen Jahren entstanden sein.

Der Ozeanologe errechnete weiter, daß bei einem Durchschnittsalter der Offshore-Lagerstätten von 50 Millionen Jahren der Sickerverlust bis heute 1500mal größer sein müßte, als die Kapazität aller Ölfelder der Erde vor Beginn der Ausbeutung. Blumers Schlußfolgerung: Nicht die menschliche Ölverschmutzung ist ein verschwindend kleiner Prozentsatz innerhalb der gesamten Ölpest, sondern umgekehrt ist die Verschmutzung aus natürlichen Quellen vernachlässigbar gering.

Alle anderen Behauptungen, so Max Blumer, sind „geologisch und geochemisch unhaltbar“.

Rudolf Freund