In Ostberlin fand in der letzten Woche die 6. Tagung des ZK der SED statt, von der richtungsweisende Äußerungen über eine neue Kulturpolitik der DDR erwartet wurden. Aus dem Grundsatzreferat des Politbüromitglieds Kurt Hager veröffentlichen wir die in diesem Zusammenhang wichtigsten Passagen.

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Unsere Gesellschaft braucht und achtet die Kunst in ihrer vollen ästhetischen Eigenart und in ihrer besonderen persönlichkeitsbildenden Wirkungsweise. Gerade das schließt jeden Standpunkt einer „Kunst um der Kunst willen“ nachdrücklich aus... Bedeutende Kunstwerke entstehen nicht auf Anordnung, nicht durch bloßes Anmelden von Wünschen. Sie brauchen ein Klima der gesellschaftlichen Erwartung, des starken Gebrauchtwerdens, und dieses Klima ist für die von unserem VIII. Parteitag vorgezeichnete Entwicklung charakteristisch. Wir sehen unsere Aufgabe nicht zuletzt darin, ein solches Kunstbedürfnis zu fördern ...

Für die Künstler, liebe Genossen, steht die Frage nach dem VIII. Parteitag so: Wie kommen wir zu neuen Kunstwerken, die sowohl auf der „Höhe der Zeit“ als auch auf der „Höhe der Qualität“ stehen? ... Die unveräußerlichen Grundlagen sozialistisch-realistischen Kunstschaffens: Fester sozialistischer Standpunkt, Parteilichkeit und Volksverbundenheit sind eine sichere Grundlage, um zunehmend die ganze Spannweite aller schöpferischen Möglichkeiten in der Kunst des sozialistischen Realismus, um eine reiche Vielfalt der Themen, Inhalte, Stile, Formen und Gestaltungsweisen zu erschließen ...

In dieser Orientierung wird sich unsere Kunst weiter festigen und entwickeln. Unsere Kulturpolitik zielt auf die Förderung einer lebendigen, reichen und vielgestaltigen Kunst. Nicht einen Klang, nicht eine Farbe, nicht einen Lebensbereich wollen wir dabei außer acht lassen. Die sozialistisch-realistische Kunst ist berufen, alles auszudrücken, alles künstlerisch zu erschließen, was sozialistische Persönlichkeiten zu ihrer Entfaltung brauchen. Diese Orientierung ist organischer Bestandteil der Gesamtpolitik unserer Partei. Sie ist keine „zeitweilige“ Variante, sondern langfristige Perspektive unserer Kulturpolitik ...

Mit alledem sind aber auch wichtige Grenzen gegenüber den modernistischen Kunstrichtungen der imperialistischen Gesellschaft markiert. Der künstlerische Modernismus ist ein sozialer, weltanschaulicher und ästhetischer Ausdruck der krisenhaften Situation der herrschenden Kunst in der imperialistischen herrschenden Der Modernismus wird von einem tödlichen Widerspruch verzehrt. Seine künstlerischen Väter fühlten (und bezeichneten sich) vielfach als Avantgardisten. Sie glaubten, im vielfach des Fortschritts, teilweise der Rebellion, anzutreten. Wo sie aber die realen Kräfte des gesellschaftlichen Fortschritts, mit der revolutionären Arbeiterklasse in der ersten Reihe, nicht erkannten, wurde ihre Idee des Fortschritts, des „Modernen“, mehr und mehr auf die Kunst selbst beschränkt Abneigung gegen das gesellschaftliche Alte und Überlebte schlägt hier um in einen Feldzug zur Verneinung der „alten Kunst“. Wo jene ein großes humanistisches Menschenbild entworfen hatte, kam und kommt die „Moderne“ fortschreitend zur „Dehumanisierung“, zur Entmenschlichung der Kunst ...

Realistische Kunst, gerade weil sie auf die Erkenntnis der Wahrheit des Lebens gerichtet ist, wird niemals eine bloße Kopie, eine mechanische, tote, spiegelhafte Reflexion des Wirklichen sein. Der sogenannte „Neue Realismus“, die jüngste Modewelle der modernistischen Kunst, ist ein solcher Wirklichkeitsabklatsch, der mit Kunst überhaupt nichts gemein hat. Sozialistische realistische Kunst fordert tiefe geistige Durchdringung der Welt, wie sie wirklich ist, das Durchschaubarmachen vieler Zusammenhänge, das Aufdecken des Möglichen in der Wirklichkeit, die Aneignung und Beurteilung ethisch-ästhetischer Werte...