Gerhard Schröder auf China-Fahrt: Wird ein neues Kapitel aufgeschlagen?

Von Andreas Kohlschütter

Neben Luxemburg und Portugal ist die Bundesrepublik das einzige EWG- und Nato-Land, das bisher zu Peking keine offiziellen Beziehungen aufgenommen hat. Länger als anderswo blieb die Volksrepublik China auf der politischen Landkarte Bonns ein weißer Fleck. Das soll sich jetzt ändern. Auf seiner zweiwöchigen Reise nach Peking, Schanghai und Kanton wird der ehemalige CDU-Außenminister Gerhard Schröder sondieren, wie und wann sich der westdeutsche Rückstand aufholen ließe.

Für die Chinesen scheint Schröder in seiner Doppelfunktion als prominenter Oppositionspolitiker und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag die geeignete Kontaktperson gewesen zu sein. Er reist zwar – und darauf legt man in Bonn großes Gewicht – „ohne Auftrag“ und nur auf „private Einladung“. Trotzdem trägt er in seinem Gepäck auch das Interesse der Regierung Brandt mit nach Peking, nach dem ostpolitischen Brückenschlag nun auch die fernostpolitischen Fäden wieder anzuknüpfen.

Deutschland ist China bisher in viererlei Gestalt gegenübergetreten: als Kolonialmacht, als Partner Tschiang Kai-scheks, als Gegner Tschiangs, schließlich als neutraler Zuschauer.

Als Kolonialmacht forderte das Deutsche Reich 1897, mit den Worten des Staatssekretärs von Bülow, in China seinen „Platz an der Sonne“. Die Ermordung zweier deutscher Missionare lieferte Kaiser Wilhelm II. den gewünschten Vorwand, um mit „gepanzerter Faust“ loszuschlagen, den Hafen von Tsingtau zu besetzen und als erste Großmacht chinesisches Territorium zu annektieren. Die Ermordung des deutschen Gesandten von Ketteler am Pekinger Kaiserhof während des Boxeraufstandes von 1900 löste bei Wilhelm kolonialherrliche Wutausbrüche aus. Er befahl: „Peking muß dem Erdboden gleichgemacht werden“ und verabschiedete die deutsche Strafexpedition in Bremerhaven mit der berüchtigten „Hunnenrede“: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Wie vor tausend Jahren die Hunnen sich einen Namen gemacht, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“

Zum Partner Tschiang Kai-scheks wurde Berlin in den Zwischenkriegsjahren. Schon 1896 war der bei Bismarck Rat suchende, führende Außenpolitiker Pekings, Li Hung-tschang, zu dem Schluß gelangt: „Wir müssen reorganisieren, und zwar mit preußischen Offizieren und nach preußischem Muster.“ Aber erst in der Weimarer Republik kam es zu dieser Zusammenarbeit. General von Seeckt wurde Tschiang Kai-scheks Generalbeauftragter mit stellvertretender Befehlsgewalt. General von Falkenhausen zwang 1934 durch seine Bollwerk- und Isoliertaktik die Truppen Maos auf den „langen Marsch“. Mit deutschen Stahlhelmen und deutschem Kriegsmaterial kämpften Tschiangs Divisionen nicht nur gegen die Kommunisten, sondern auch gegen die mit Deutschland bereits im Antikominternpakt verbündeten Japaner. Bis 1938 versuchte die Wilhelmstraße unter Außenminister von Neurath zwischen den fernöstlichen Gegnern noch zu vermitteln.