Von Peter Sartorius

Reykjavik, im Juli

Der amerikanische Reporter sah Schande über sein Land kommen. In der Empfangshalle des Reykjaviker Flughafenhotels „Loftleidir“, in der sich Schachfunktionäre und Reporter aus aller Welt wie in einem summenden Bienenkorb drängten, um heiße Informationen und laue Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen, offenbarte er jedem seine Befürchtungen. „Dieser verrückte Bursche hat mehr Porzellan zerschlagen, als hundert unserer fähigsten Diplomaten wieder kitten können. Jetzt kommen doch all die Vorurteile gegen unser Land wieder hoch.“ An seine Heimatredaktion in Los Angeles kabelte er deprimiert: „Bobby Fischer is the modern Version of the ugly american.“

Das Wort vom „häßlichen Amerikaner“ ursprünglich die namenlose Titelfigur eines Bestsellers über das hemdsärmelige amerikanische Auftreten in der Welt – war in aller Munde. Bobby Fischer hatte den Bogen einfach überspannt.

Dabei hätten ihm viele sein übersteigertes Wertbewußtsein, seine immer neuen Geldforderungen für die Inbetriebnahme seiner Gehirnzellen, noch nachgesehen.

Aber daß er den Weltmeister einfach wie einen dummen Jungen behandelte und ihn drei geschlagene Tage ohne Nachricht warten ließ, ehe er sich dazu bequemte, zum Kriegsschauplatz der Holzfigurenbataillone zu kommen – das natürlich verdroß auch den Schachfreund aus dem Ruhrgebiet. Um so mehr, als er sich durch „Fischers hanebüchenes Benehmen“ nun plötzlich gezwungen sah, sich statt mit Rösselsprüngen mit Vulkanen und Geysiren zu beschäftigen. Sein Kurzurlaub lief ab, noch ehe Fischer und Spasskyj nach dem unerfreulichen Vorspiel entschieden, ihre Gedankenschlachten auf dem marmornen Schachbrett in der Laugardalshoell zu Reykjavik zu schlagen.

Das isländische Schachtief hatte sich vor zwei Wochen über der kahlen Insel zusammengebraut, als Boris Spasskyj, ein eher verlegener als überlegener Weltmeister, sich beim protokollgemäß ablaufenden Eröffnungszeremoniell der Weltmeisterschaft wie ein vor der Kirche von der Braut sitzengelassener Hochzeiter vorkommen mußte. Der isländische Präsident Kristjan Eldjarn, der sowjetische Botschafter und der amerikanische Geschäftsträger auf der Insel spielten zusammen mit den Mitgliedern der FIDE, des Weltschachbundes, die unerquickliche Rolle der verstörten Hochzeitsgesellschaft. Der ganze Festakt geriet zu einer bühnenreifen Groteske.