ZDF, Mittwoch, 5. Juli: „Nocturno“, von Hajo Gies

Ein Hauch des Todes wehte ihn von den gegeschlossenen Häusern an, deren Scheiben wie im Tode gebrochene Augen starrten, von den Giebeln, deren getreppte Absätze das Wasser fast schwarz widerspiegelte. Er ging den Quai Vert und den Quai du Miroir hinauf und verlor sich dann bis zum Pont du Moulin nach dem schwermütigen, von Pappelreihen begrenzten Vorlande. Und überall ihm zu Häupten die kalten Tropfen und die dünnen, salzigen Glockenklänge der Stadtgemeinde, wie von einem Sprengwedel zur Absolution verspritzt: Der Mann, der durch die Straßen der Totenstadt geht, heißt Hugo Viane und ist Witwer die Stadt, die er nach dem Tod seiner Frau zum Domizil erwählt hat, heißt Brügge: Brügge, mit den steinernen Grachten und den starren Adern der Kanäle (fern das Meer, nah die Kirchen mit den Leichensteinen, am nächsten die Glocken, die von Stunde zu Stunde das memento mori einläuten): Brügge, heißt es in Georges Rodenbachs 1892 veröffentlichter Etude, Bruges-la-morte war seine Tote. –

Ein sentimentales Stück Prosa, Morbidezza in flämischer Art: Loris besichtigt Beginenhöfe in Flandern, Ludwig II. unternimmt einen Trip an die Nordsee; Richard Wagner inszeniert Gruuthuus eine Soiree, Ruskin ist unter den Gästen und unterhält sich mit Joris-Karl Huysmms oder besser noch mit dessen Romanhelden, dem Dandy Des Esseintes, der nach Brügge gekommen ist, um am Ort Erzeugnisse der Spitzenklöppelei zu erstehen (nicht für sich natürlich, sondern für seine als Begine verkleidete Magd, oder – noch besser – Ruskin spricht mit Des Esseintes Urbild, dem Grafen Robert de Montesquiou, der, an Stelle der vulgären Krawatte, an diesem Abend eine in Brüssel gezüchtete, Orchidee zum weißen Samtanzug trägt und gerade dabei ist, sich in sein alter ego, den Proustschen Baron Charlus zu verwandeln. (Oder ist es Dorian Gray?)

Ein künstliches Paradies, das hier erdacht wird, makaber wie Georges Rodenbachs Studie, in der Brügge wie eine Mischung aus Balbec und Venedig erscheint: Gustav von Swan ergeht sich an Grachten – nur als Parodie, glaubt man, allenfalls noch verwertbar. Doch dann kam Hajo Gies und machte aus Brügge eine sanfte und melancholische, herbstlich-schöne und sommerlichanmutige Stadt: nichts von Glocken und geronnenen Adern, die Grachten leuchteten, vor den Cafés wurde getanzt, Ruderboote glitten vorbei, Lampions schwebten unter den Brücken hindurch – fröhliches Gelächter, Monsieur Jules, der Witwer mit der tristesse, im Herzen, wirft einen Blumenstrauß von der Brücke.

Die Handlung war belanglos – Rodenbachs Grundmuster: Der Witwer glaubt, in einer Chansonette das Ebenbild der Toten zu sehen, wurde beibehalten, aber im Detail alles verändert –, den Duktus des Films bestimmten die Bilder und Blenden ... Blenden von einer kalkulierten Verwegenheit, die stilbildend sein könnte: als ob sich ein Auge öffnete, das statt der Lider Vorhänge hätte, die blitzschnell nach allen vier Richtungen aufgerissen würden. Welche Kontraste! Kontraste, die, zur Verdeutlichung der Seelenlage des Helden bestimmt, in Wahrheit Entsprechungen waren: grelle Straßen, dunkle Fenster, ein bläuliches Wasserschloß, eine Windmühle mit Flügeln aus schreiend-künstlichem Rot!

Bilder, die man nicht vergessen wird: stimmungshaltige Impressionen, die farblich verfremdet waren und derart Photographien in Gemälde verwandelten: das Meer und die Sonne von Turner, die Café- und Ausflugsszenerie nach der Art der Impressionisten! Das flämische Venedig: als Metapher preisgegeben im malerischen Stil der belle époque! Das künstliche Paradies durch eine Farbchoreographie und eine Kameraführung gespiegelt (Blaustiche; zarte Grundierung, Auftragen von Schockfarben; überlegter Wechsel der Einstellungen, ganz nah dran, ganz weit weg, hoch von oben: die Irrealität der Geschichte betonend) ... eine Kameraführung, die meisterlich war.

Allerdings wurde in diesem Film bisweilen auch noch gesprochen, und das war nicht gut: Das klang, als rezitierten Hilde Krahl und Carl Raddatz einen Ufa-Film, und schlimmer noch war die Musik, eine unerträgliche Kinomusik, mit obligatem Crescendo, wenn’s dramatisch zuging, mit Singsang und kunstgewerblicher Unterstreichung der Atmosphäre, da spielte man Potpourri, wo Mahler und Wagner hätten aufspielen müssen; da sah sich der traurige Jules, auf der Suche nach der verlorenen Frau, von Weisen begleitet, die offensichtlich für einen anderen Film komponiert waren.