Der freidemokratische Juniorpartner der sozialliberalen Bonner Koalition bekommt nun doch einen Fuß ins begehrte Bundesministerium für Wirtschaft und Finanzen: Schon zu Beginn der Woche stand fest, daß Hans Friderichs, Staatssekretär im rheinlandpfälzischen Landwirtschaftsministerium undehemaliger FDP-Bundesgeschäftsführer, die Nachfolge des samt Karl Schiller zurückgetretenen Staatssekretärs Johann Baptist Schöllhorn antreten wird. Er erhielt dieses Amt freilich nicht wegen seiner Parteizugehörigkeit, sondern einfach, weil Helmut Schmidt ihn haben wollte.

Dessenungeachtet wird auch „One-Dollar-Man“ Ernst Wolf Mommsen, von Schmidt aus dem Verteidigungsministerium mitgenommen, vorerst als Staatssekretär ins Duisdorfer Doppelministerium gehen. Der ehemalige Thyssen-Chef, der seine Arbeit ohne finanziell Entschädigung und nur „auf Zeit“ versieht, füllt nämlich keine Planstelle aus.

Georg Leber, neuer Verteidigungsminister, beschloß nach dem Weggang von Ernst Wolf Mommsen, gleich zwei Staatssekretärposten neu zu besetzen. Die Nachfolge von Mommsen übernimmt Ministerialdirektor Siegfried Mann (Abteilungsleiter Haushalt). Außerdem schied Staatssekretär Günter Wetzel aus. Als Wetzel erfuhr, daß der neue Hausherr ihn entlassen wolle, beantragte er von sich aus rasch, Versetzung in den einstweiligen Ruhestand und gab verärgert sein SPD-Parteibuch zurück. Eine Entlassung Wetzeis befürwortete auch Helmut Schmidt. Noch in der Amtszeit des bisherigen Verteidigungsministers soll es zu einem Vorfall gekommen sein, der in Bonn als Vertrauensbruch umschrieben wird. Sein Nachfolger wird der bisherige Abteilungsleiter Ministerialdirektor Helmut Fingerhut sein.

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Die Beamten des Bonner Superministeriums verfolgen, den Antritt ihres neuen Dienstherrn Helmut Schmidt mit „wachsamen Augen“. Vor allem der enge Kreis um den bisherigen Minister Schiller fürchtet, daß der intellektuelle Spielraum eingeengt werden könnte. Gegenüber Subordination und Kommandotönen sind die Intelligenzler aus dem Bereich der Wirtschaft überaus empfindlich. Falls Schmidt weiter als Oberbefehlshaber auftritt, könnte es ihm leicht passieren, daß ihm Demissionsgesuche auf den Schreibtisch flattern.

Vorerst scheint sich Schmidt auf seine erste internationale Bewährungsprobe zu konzentrieren. Schon in Kürze treffen die EWG-Finanzminister in London zusammen. Danach wird Schmidt Anfang August auf der internationalen Frankfurter Herbstmesse Gelegenheit haben, gegebenenfalls neue Akzente zu setzen. Im September steht dann die Weltbank-Konferenz in Washington auf seinem Fahrplan. Mit einiger Spannung wird erwartet, wie Schmidt im außenwirtschaftlichen Bereich agieren wird. Im Ministerium hält man es für ausgeschlossen, daß Helmut Schmidt – auch im Hinblick auf bevorstehende Neuwahlen der nationalen Wirtschaftspolitik gegenüber der EWG-Integration Vorrang einräumt.

Vor der Kabinettssitzung, auf der die Devisenkontrollen nach Paragraph 23 des Außenwirtschaftsgesetzes beschlossen wurden, holte Bundeskanzler Willy Brandt in Gegenwart seines Wirtschaftsberaters Karl Otto Pohl den Rat dreier Fachleute ein. Walter Hesselbach, Chef der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, Klaus Dieter Arndt, der frühere Parlamentär rische Staatssekretär in Schillers Ministerium, und Wilhelm Hankel, ehemals Leiter der Geld- und Kreditabteilung im Bundeswirtschafts- und Finanzministerium und jetzt Präsident der Hessischen Landesbank, erläuterten dem Regierungschef ihre Standpunkte. Unabhängig voneinander kamen sie alle zu dem Ergebnis, Devisenkontrollen seien nicht zu empfehlen. Hesselbach fürchtete, die Bundesrepublik würde von ausländischen Kapitalquellen abgeschnitten. Arndt sprach sich für ein europäisches Floaten aus. Hankel, der weder den Paragraphen 23 noch das europäische Floaten für brauchbare Lösungen hält, riet Brandt, man müsse Nixon davon überzeugen, daß die USA beim Währungsfonds harte Währungen leihen sollten, um damit selbst den Dollarkurs zu stützen. Unter dem Eindruck zweier Rücktrittsdrohungen (Schiller und Klasen) vergaß Brandt zunächst alle guten Ratschläge und entschied sich für den Dirigismus.