Die Entscheidung fiel in der Sitzung des Kabinetts am Mittwoch vergangener Woche. Bundeskanzler Brandt teilte der Runde mit, daß er keinen Versuch machen werde, Wirtschafts- und Finanzminister Schiller im Amt zu halten. Nach einem einstündigen Gespräch, zu dem Brandt den Doppelminister tags darauf empfing, gab das Bundespresseamt offiziell bekannt, der Kanzler habe den Rücktritt Schillers angenommen. Am Freitag vergangener Woche händigte Bundespräsident Heinemann dem scheidenden Minister die Entlassungsurkunde aus. Eine Woche voller „Rücktrittsgerüchte und -Spekulationen“ war zu Ende.

Um die Nachfolge Schillers gab es am Mittwoch und Donnerstag noch zähe Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionspartnern. Brandt und SPD-Fraktionsführer Wehner schienen bereit, den Wünschen der Freien Demokraten nach einer Aufteilung des Doppelministeriums nachzukommen. Die FDP hätte offenbar gern durch die Berufung des jetzigen Innenministers Genscher in das Finanzministerium – mit Blick auf die Wahlen und die Vorstellungen der SPD zur Steuerreform – ihre Mitverantwortung für den gesamten Wirtschafts- und Finanzbereich demonstriert.

Dem widersprach Verteidigungsminister Schmidt, der seinen Besuch in der Türkei abkürzte, und am Donnerstag in Bonn eintraf. Schmidt setzte sich durch. Das Doppelministerium wird bis zu den Neuwahlen nicht geteilt; im Falle eines Wahlsieges wollen sich die Koalitionspartner hierüber neu verständigen.

So konnte der Bundespräsident am Freitag die nötigen Urkunden übergeben. Helmut Schmidt wurde neuer Wirtschafts- und Finanzminister, Georg Leber Verteidigungsminister, und Lauritz Lauritzen übernahm zu dem Wohnungsbauministerium noch Lebers Ministerium für Verkehr und Post. Leber und Schmidt führten ihre Nachfolger am Montag in die neuen Ämter ein.

Bundeskanzler Brandt und Außenminister Scheel würdigten am Freitag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz Schillers. Verdienste ohne Einschränkung. Sie betonten – wie auch die neuen Minister über das Wochenende bei verschiedenen Gelegenheiten –, daß ein Wechsel in den Ämtern keinen Kurswechsel in der Politik bedeute. Erst recht sei nicht daran gedacht, das Prinzip der freien Marktwirtschaft anzutasten oder gar preiszugeben – Aussagen, die allerdings von der Opposition bezweifelt wurden.

Mit Schiller trat auf eigenen Wunsch sein Staatssekretär Johann Baptist Schöllhorn zurück. Für ihn geht Ernst Wolfgang Mommsen mit Schmidt von der Hardthöhe in das Doppelministerium. Zu Mommsens Nachfolger als zweiter beamteter Staatssekretär im Verteidigungsministerium wurde der 46jährige Ministerialdirektor Siegfried Mann ernannt. Neben ihm berief Leber am Montag den 50jährigen Leiter der Haushaltsabteilung, Helmut Fingerhut – der bisherige Staatssekretär Günter Wetzel wurde am selben Tag in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Nach Erhalt dieser Nachricht erklärte Wetzel seinen Austritt aus der SPD nach 27 Jahren Zugehörigkeit mit der Begründung, sie sei durch fortschreitende Linksorientierung eine andere Partei geworden.

Mit den Umbesetzungen war freilich die Affäre Schiller noch, nicht ausgestanden. Wehner bezeichnete am Wochenende in Hamburg-Harburg Schillers Gründe für den Rücktritt als „Legende“: Der Minister sei in Wirklichkeit gegangen, als ihm Brandt weder einen sicheren Listen-, platz bei den kommenden Wahlen noch einen Posten im neuen Kabinett habe zusichern wollen. Schiller verwahrte sich nachdrücklich gegen solche „Diffamierungen“; sein Schritt sei allein aus Sachgründen erfolgt. Seine Rückkehr in den Bundestag scheint indessen gesichert: Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Kühn will ihm einen sicheren Listenplatz – unter Umständen sogar Position eins auf der nordrhein-westfälischen Landesliste – einräumen.

An den Plänen der Bundesregierung zu Neuwahlen im Spätherbst haben die Umbesetzungen nichts geändert. Außenminister Scheel nannte den 3. Dezember als den Termin, der bei Koalition und Opposition „Sympathien“ finde. Der Kanzler müßte in diesem Fall 14 Tage nach Ende der Sommerpause die Vertrauensfrage stellen.