Das Einschwenken Nordkoreas auf die Politik der, Entspannung läßt sich aus einem Grundbegriff der nordkoreanischen Politik am besten erklären. Er heißt Dtschutsche, Eigenständigkeit. Dtschutsche meint Selbstbestimmung in der Politik, Selbständigkeit in der Wirtschaft, Selbstverteidigung. Der Begriff ist eine Schöpfung des nordkoreanischen Führers Kim II Sung. Die Dtschutsche-ldeologie ist ganz auf seine Person zugeschnitten; nicht umsonst spricht man von „Kimiisungismus“. Es gibt eine Kim-Bibel, ein Kim-Abzeichen, einen in der modernen Geschichte beispiellosen Personenkult um Kim Il Sung.

Kim stellte bereits 1965 stolz fest: „Heute baut unser Land seine Wirtschaft hauptsächlich mit eigener Technik, eigenen Ressourcen, mit der Kraft der eigenen Kader und des eigenen Volkes auf und deckt den Inlandbedarf an Erzeugnissen der Schwer- und Leichtindustrie und an landwirtschaftlichen Produkten im wesentlichen aus der eigenen Produktion.“ In der Tat, 1972 deckt Nordkorea nicht nur den Inlandbedarf aus der eigenen Produktion, sondern berücksichtigt in der Planung – vorsorglich und zielbewußt für den Fall einer Wiedervereinigung – auch den Bedarf Südkoreas. So zeigte man mir bei meinem Besuch im Frühjahr in einer Seidenfabrik einen Lagerraum, in dem die schönsten Seidenstoffe des Landes für Südkoreaner reserviert lagern. Das ist natürlich Propaganda, aber eine, die sich Nordkorea materiell leisten kann.

Die Wiedervereinigung ist schon immer das Endziel der Innen- und Außenpolitik Kim Il Sungs gewesen. Der Korea-Krieg (1950/53) war ein fehlgeschlagener Versuch, das Land zu einen. Zwar proklamierte Kim danach wiederholt den „Befreiungskrieg“, doch unterbreitete er zugleich eine Reihe von Vorschlägen zur friedlichen Wiedervereinigung durch ein Föderationssystem. Fünf Jahre nach der Gründung des „Komitees für die friedliche Wiedervereinigung des Vaterlandes“, am 27. Juli 1966, forderte die nordkoreanische Regierung, „die Korea-Frage dem koreanischen Volk selbst zu überlassen“; wenn nicht Seoul „sofort freien allgemeinen Wahlen im Süden und im Norden“ zustimmen könne, sollte wenigstens „das System einer süd-nordkoreanischen Föderation“ als „eine der Übergangsmaßnahmen“ akzeptiert werden.

Schließlich wurde am 12. April 1971 in der Obersten Volksversammlung die nordkoreanische Konzeption in acht Punkten formuliert. Neben freien Wahlen und einer gemeinsamen Konsultativ-Könferenz wurde darin, und zwar zuvörderst, der Abzug der amerikanischen Streitkräfte und die Annullierung der amerikanischsüdkoreanischen Allianz verlangt. Diese Punkte bekräftigte Kim II Sung am 26. Mai 1972 in einem ausführlichen Interview mit der New York Times – als beide Seiten insgeheim schon in Pyongyang verhandelt hatten.

Viele Jahre hindurch war Kim mit seinen Vorschlägen in Seoul auf eisige Ablehnung gestoßen. Noch bis in die jüngste Zeit war das Wort Wiedervereinigung (Tongil), wie es Kim II Sung verwendet, im Süden tabu; Präsident Park machte es als einen „grauen“ Begriff verächtlich; allenfalls sprach die Regierung von Sunggong Tongil zu deutsch: „Wiedervereinigung durch Sieg über den Kommunismus.“ Erst die chinesisch-amerikanische Annäherung beschleunigte den Umdenkungsprozeß in Südkorea. Der endlich eingeleitete Dialog zwischen den verfeindeten Brüdern entschärft fürs erste die Zeitbombe eines zweiten Koreakrieges. M. Y. Cho