Bonn

Während die Koalition in Bonn über der Schiller-Krise brütete und die Opposition den Rücktritt des Superministers mit martialischem Wahlkampfgetöse begleitete, servierten ein Sozialdemokrat und ein Christlicher Demokrat vor den Toren Bonns einträchtig Politik mit leichter Hand: Bernhard Vogel, Kultusminister von Rheinland-Pfalz, präsentierte als Hausherr im Bahnhof Rolandseck seinen Bruder Hans-Jochen Vogel als Buchautor. Der Altoberbürgermeister von München – so stellte Bernhard Vogel seinen Bruder vor – hat eine Rückschau auf die 4444 Tage seiner Amtszeit verfaßt. Das Buch trägt den Titel „Die Amtskette“.

Die Vogel-Kundler kamen auf ihre Kosten. Die Vogel-Brüder beherrschten die Kleinkunst der liebenswürdigen Stichelei vortrefflich. Bernhard schilderte den Musterschüler Jochen, der ihn vergeblich zu besseren Leistungen in der Schule angespornt habe. Und es sei wohl ein „Ausfluß Vogelscher Pedanterie“, so meinte er, daß sein Bruder die Amtszeit mit einem solchen Bericht abgeschlossen habe. Jochen ließ dieses Urteil gelten, führte indes noch einen anderen Grund für seine literarische Produktion an: Es sei gewiß wichtig, was geschehe, noch wichtiger aber, was darüber geschrieben werde. Deshalb habe er lieber gleich selber über seine Amtszeit geschrieben.

Die Zuhörer nahmen es vergnügt zur Kenntnis. Nur Bayerns Staatsminister Heubl fühlte sich irritiert. Jochen Vogel hatte im Plauderton bemerkt, als staatstreuer Bayer habe er eigentlich die Buch-Premiere in der Landesvertretung veranstalten wollen, aber es sei ihm leider bedeutet worden, das Haus Bayern sei den Bundespolitikern vorbehalten. Heubl verließ den Saal.

Wollte Heubl die bayrische Landesvertretung einem gefährlichen Linken nicht zur Verfügung stellen? Wohl kaum. Bernhard Vogel jedenfalls versicherte, die Schwierigkeiten, die sein Bruder mit den Linken in Bayern habe, kenne er in seinem Land nicht, und er fügte mit sanfter Ironie hinzu, einen Linken müsse es wohl in jeder Familie geben. Rolf Zundel