Hamburg

Neger in einer Großstadt, Neger in Hamburg – ein Spießrutenlauf. „Am schlimmsten sind die deutschen ‚Muttis‘“, sagt John Owusu, und er schüttelt den Kopf, während er das Wort „Mutti“ immer wieder, vor sich hin spricht. „Sie sagen, wenn wir an der Tür klingeln und nach dem Zimmer fragen, das in der Zeitung angeboten wird: ‚Nein, an Tiere vermieten wir nicht, wer soll denn den Schmutz wegmachen?‘“ Das ist sicher übertrieben, aber John Owusu wünscht den deutschen „Muttis“ alles Schlechte.

In der „weltoffenen Hansestadt“ sieht man immer mehr Menschen dunkler Hautfarbe, am Hafen, auf der Reeperbahn, am Hauptbahnhof und vor allem im Studentenviertel. Nach der Statistik der Ausländerstelle waren bis zum Frühsommer 3800 Afrikaner in Hamburg registriert; „aber wir rechnen mit einer gewissen Dunkelziffer“, sagt Günter Empen, Leiter dieser ersten Auffangstelle, und er schätzt, rein privat, daß insgesamt etwa 5000 Afrikaner in Hamburg leben.

Diese Zahl ist verschwindend gering, setzt man dagegen, daß in der Zwei-Millionen-Stadt etwa 115 000 Ausländer leben, davon 20 000 Türken und 10 000 Asiaten. Die Problematik liegt in den Bestimmungen: Die Afrikaner, bis auf jene aus Tunesien, erhalten keine Arbeitsgenehmigung. Sie sind Reisende, die für drei Monate eine Aufenthaltsbescheinigung erhalten. Es sei denn, sie sind in der Ausbildung (Lehre) oder Studenten. Die meisten Afrikaner, aus armen Verhältnissen stammend, überschreiten diese Drei-Monats-Frist, leben illegal in der Stadt, vermeiden es, bei der Polizei aufzufallen, sonst droht ihnen Gefängnis bis zu einem Jahr wegen Verstoßes gegen das Ausländergesetz. Sie arbeiten schwarz und lassen sich ausbeuten – wohl oder übel.

„Ich kriege 2,20 Mark in der Stunde“, sagt Olayinka O. aus Ibadan, Nigeria. Er arbeitet als Tellerwäscher in einem Restaurant in der Innenstadt, nach acht Stunden bekommt er 18 Mark auf die Hand; denn zwei Mark ziehen sie ihm ab wegen der Mittagspause. Olayinka O. weiß, daß er ausgenutzt wird, aber er muß arbeiten, weil sein Geld nicht ausreicht. Sein Vater schickt ihm monatlich einen Scheck über 250 Mark. Das Zimmer außerhalb Hamburgs kostet 85 Mark, für Licht bezahlt er extra 25, für die Fahrkarte 37 Mark, der Sprachkursus verschlingt 120 Mark. Schon jetzt hat er ein Defizit von 17 Mark, und noch hat er nichts gegessen oder getrunken. Olayinka O. ist ausgebildeter Maschinenbauer aus Nigeria, in Hamburg ist er einer aus dem neuen schwarzen Proletariat.

Werden die Afrikaner zu Hause ungenügend aufgeklärt über die Verhältnisse in Europa? C. B. D. Gomwalk, Generalkonsul von Nigeria mit Sitz in Hamburg, gibt die Schuld den Gastgebern. Er verweist auf einen Brief vom 4. März 1971 an den Afrika-Verein, in dem er Vorschläge zur besseren Integration seiner Landsleute in Deutschland machte – ohne Antwort bisher. Und er legt mir den zerfledderten Paß eines Landsmannes vor. „Das ist keine Seltenheit. Wenn die Polizei einen Verdacht hat, behält sie erst einmal den Paß“, und er zeigt mir mehrere Briefwechsel mit den Behörden und Zeitungsausschnitte der Lokalpresse, die „schnell mit dem Photoapparat bei der Hand sind, wenn es um einen Afrikaner geht“. Er meint: „Die Polizei und die Gerichte in Deutschland sorgen nicht für den Frieden aller, sondern nur für den der Europäer.“

Ob er in den eineinhalb Jahren seiner Hamburger Tätigkeit eine atmosphärische Verbesserung gespürt habe? „Nein, eigentlich im Gegenteil. Früher wurden die wenigen Afrikaner kaum bemerkt, aber je mehr es werden, um so mehr hassen sie uns.“