Von M. Y. Cho

Da die vier Bände der offiziellen „Ausgewählten Werke“ Maos nur die Schriften von 1926 bis zum September 1949 enthalten, hätte eigentlich längst eine Sammlung der danach geschriebenen Aufsätze Maos folgen müssen, behandeln sie doch die wichtige Periode seit Gründung der Volksrepublik China. Überdies wich der Text der veröffentlichten Schriften von den früheren Fassungen ab, auch fehlten in der Ausgabe viele der vor 1926 geschriebenen Aufsätze. Darum ist bei Fachleuten der Wunsch nach einer vollständigen Sammlung der Maoschen Werke stets groß gewesen. Er wird endlich erfüllt. Der japanische Professor Minoru Takeuchi hat mit der Herausgabe einer zehnbändigen Sammlung aller zugänglichen Schriften von 1917 bis 1949 in ursprünglichen Fassungen beim Verlag Hokubusha in Tokyo begonnen; der in England lebende chinesische Gelehrte Jerome Ch’en hat Maos Schriften aus den Jahren 1917 bis 1969, insbesondere aus der Zeit der Kulturrevolution, die in den bisherigen Sammlungen nicht enthalten sind, in englischer Übersetzung herausgebracht. Die deutsche Übersetzung liegt jetzt vor:

Jerome Ch’en (Hrsg.): „Mao Papers“; aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Sabine von Burgsdorff; Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, München 1972; 269 Seiten, 14,80 DM.

Wenn der Buchtitel an die sogenannten Pentagon papers erinnert, so ist das nicht unbedingt abwegig. Denn die hier zusammengestellten Briefe, Gedenkschriften, Reden, Gespräche, Erklärungen und Weisungen Mao Tse-tungs enthüllen bisher unbekannte oder wenig bekannte Vorgänge in China, zeigen auch, daß eine Reihe früherer Schriften Maos in den gegenwärtigen Ausgaben verschönt wurden, und sie sind auch mehr oder weniger offiziöser Natur. Wie bei den Pentagon papers, so sind auch bei diesen Mao papers die Motive der Herausgeber nicht über alle Zweifel erhaben: Will er einen seltenen (oder seltsamen) Beitrag zur Erforschung der Zeitgeschichte Chinas leisten oder eine publizistische Sensation hervorrufen? Für den ersten Fall ist das Bändchen viel zu lückenhaft, hastig und unkritisch zusammengestellt – der Herausgeber versucht es allerdings in seinem Vorwort zu rechtfertigen –, für den zweiten Fall sucht der fachkundige Leser vergeblich nach Sensationellem, sind doch die meisten papers (wie auch der Herausgeber zugibt) bekanntgeworden.

Die Hoffnung, daß die deutsche Übersetzerin oder ihre beiden wissenschaftlichen Berater die papers für den deutschen Laien kommentierten, erweist sich als verfehlt. Die vorwiegend stilbezogene Analyse der Frage, ob und inwiefern die Broschüren der Rotgardisten – die Hauptquellen der vorliegenden Ausgabe – authentisch sind, bleibt unbefriedigend. Erklären hätte man müssen, warum einmal der Ausdruck „Zentrum“ und einmal „Zentralkomitee“ gebraucht wird; besser gewesen wäre die Übersetzung „Zentrale“.

Von dieser Einschränkung abgesehen, verdient die Nymphenburger Verlagshandlung Anerkennung für den Versuch, einen Dokumentationsband besonderer Art zu präsentieren – im Gegensatz zu dem Fischer Taschenbuch Verlag, der sich mit der Herausgabe der „Berichte und Analysen der ‚Peking-Rundschau‘“ unter dem anspruchsvollen Haupttitel „Chinas sozialistischer Weg“ allenfalls blamiert hat, werden in diesem Bändchen doch hauptsächlich Texte aus dem Pekinger Propagandaorgan unkritisch wiedergegeben. Daß der Herausgeber keine Ahnung vom Chinesischen und wenig Ahnung von den Vorgängen in China hat, darüber läßt seine Vorbemerkung keinen Zweifel. Da es seinesgleichen leicht passieren könnte, den vom Darmstädter Melzer Verlag herausgegebenen „Bericht des Reisbauern Lao-Wu-Tse mit seinen ehrlichen Gedanken über Mao Tse-tung“ für den neuesten chinesischen Bauernroman zu halten, möchte ich hier eine Warnung aussprechen: Bei diesem der Aufmachung nach ganz pro-maoistischem, angeblich von K. Friedmann „aus dem Chinesischen übertragenen“ Bericht handelt es sich zweifelsfrei um eine von einem China-Kenner geschriebene boshafte Satire auf das heutige China.

Eine ausgewogene Sammlung von Abhandlungen über verschiedene Themen bietet: