Richtig Sommer wird es in Finnland zwar erst ab Juli, doch wir zogen aus, die Mittsommernachtssonne in ihrer besten Zeit, zur Tag- und Nachtgleiche im Juni, zu sehen und in menschenferner Wildnis zu wandern. Wir fanden Sonne und Wildnis im Gebiet um Kuusamo im nordöstlichen Finnland, 80 km unter dem Polarkreis, am südlichen Rande von Lappland, 30 km vor der russischen Grenze, wo große Seen und reich bewaldete Höhenzüge das Land bedecken.

Erste Station ist Helsinki. Wir wohnen in dem angenehmen Hotel Kalastajatorppa (Fischerhütte), das man vom Stadtzentrum aus mit dem Taxi in zwanzig Minuten erreicht. Das stadtgewohnte Auge ruht hier, in der typischen Schärenlandschaft, auf Wasserfläche und grüner Weite.

Jemand sagt uns: „Ja, das Hotel ist gut, aber es klappt nicht mit dem Frühstück!“ Wir wundem uns. „Ja, man setzt sich, da kommt ein Elch geschwommen und möchte an Land. Man setzt sich wieder, jetzt ist es ein Horndelphin, der den Kaffee kalt werden läßt. Man setzt sich schließlich ein drittes Mal, nun gehen schöne finnische Mädchen vorbei. Wie soll man da in Ruhe frühstücken?“

Samstag. Frühmorgens geht es mit dem Flugzeug nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands, die so gar nicht städtisch wirkt. Bei unserer Ankunft fällt das Wasser vom Himmel, blanke schwarze Nässe attackiert das Touristengemüt. Dach je weiter wir mit unserem Leihwagen gen Osten kommen, desto heiterer wird der Horizont. Es duftet nach Kiefern, langgewellte Bergzüge tauchen auf. Sie sind bis zu 500 Meter hoch. Dazwischen liegen Seen und Teiche mit klarem braunem Wasser und stillen Ufern, blaugrün von Tanne und Kiefer gerandet, mit weißen Birkenblitzen.

Die Straße über Kemijärvi nach Ruka bei Kuusamo, eine Strecke von 200 km, ist mittelprächtig, aber im Ausbau. Trotz der verheißungsvollen Warnschilder begegnen uns nur fünf Rentiere auf der Straße – später, auf unseren Wanderungen wurden wir dafür reich entschädigt. Unser Touristenhotel Rukahovi (Zimmer mit Dusche) ist luxuriöser als erwartet. Kuusamo ist ein Kirchdorf mit 21 000 Einwohnern. Im Ort selbst wohnen vielleicht 7000 Menschen, die anderen leben auf einzelnen Höfen im Umkreis von 40 Kilometern.

Nach dem Abendessen steigen wir noch schnell auf den Hausberg, den Rukatunturi, 492 Meter hoch, berühmt vor allem als Skigelände (Olympiasprungschanze). Die Weite der Sicht verschlägt uns die Sprache. Schwimmen hier die Seen in den Wäldern oder die Wälder in den Seen?

Sonntag. Es gab große Aufregung: Ein Bär hatte 20 Rentiere geschlagen, acht Bauern bekamen ein Sonderpermit – und erlegten den Bären. Es gibt viele Bären hier, im allgemeinen sind sie freundlicher, im Gegensatz zu dem guten Dutzend Wölfen, die meist von Rußland herüberkommen. Elche erscheinen nur als Wanderer aus Norwegen oder Südfinnland. Aber es leben mindestens 800 000 Rentiere in freier Wildbahn. Jeden Winter werden sie in den Gattern mitten in den Wäldern zusammengetrieben. Ihre Besitzer sind meist Samen, fälschlich Lappen genannt. Und es gibt reichlich Enten, Schnepfen, Hasen, Auerwild und Schneehühner. Unsere Gegend ist ein noch unerschlossenes Dorado für Jäger, Fischer und Angler. Die schönste Zeit für den Jäger ist der Herbst, ab 15. September sind die Enten auf.