Die DDR wehrt sich gegen den Versuch Bonns, mit Hilfe der westlichen Verbündeten Ostberlin die internationale Anerkennung so lange zu verweigern, als das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander noch nicht geregelt ist. Im Bericht des Politbüros an die 6. Tagung des Zentralkomitees klagte ZK-Sekretär Jarowinsky wortreich, die Bundesrepublik versuche Probleme in den Meinungsaustausch einzuführen, die mit dem Abschluß eines Grundvertrags nichts zu tun hätten. Auf der Werbereise des DDR-Außenministers Winzer zu UN-Generalsekretär Waldheim nach Genf und bei der Eröffnung der Ostseewoche klang es ähnlich.

Der Ton war nicht schrill, eher zurückhaltend. Es scheint, daß der SED-Führung eine kurze Denkpause nicht unwillkommen ist. Bonn täte aber gut daran, nach der sommerlichen Unterbrechung den deutschlandpolitischen Zug wieder unter Dampf zu setzen. Denn auch die andere Seite ist daran interessiert, daß der Zug noch vor den Wahlen ankommt. Was DDR-Staatssekretär Florin Stockholm zurief, gilt auch für die SED-Spitze: „Auf welche Bonner Regierung will Schweden eigentlich noch warten?“

Zeitnot scheint auch Prag zu verspüren. Jedenfalls möchte es die ins Stocken geratenen Gespräche mit der Bundesrepublik schnell vorantreiben. Das gäbe den Ungarn und Bulgaren die Möglichkeit, gleichfalls ihr Verhältnis zu Bonn zu normalisieren. Die DDR, die solches Drängen ungern sieht, wird wenig daran ändern können. Auch im Ostblock ist das Verhältnis von Bündnissolidarität und nationalem Eigeninteresse heute weniger gespannt. Vy.