Von Karl-Heinz Janßen

Wegen der Entwendung von siebentausend Seiten geheimer Pentagon-Papiere, die er einst selber mitverfaßt hatte, steht jetzt in Los Angeles ein ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministers vor Gericht: Daniel Ellsberg, Dieb aus Gewissensnot. Er hatte seine Kenntnis von Lug und Trug, von Täuschung und Verblendung und auch von den Verbrechen der Vereinigten Staaten im Indochinakrieg nicht länger für sich behalten mögen. Bei der Lektüre der Pentagon-Papers, so rechtfertigte er sein Tun, habe er das Gefühl gehabt, als lese er die Nürnberger Dokumente zum zweitenmal in seinem Leben.

Viele Leser der Papiere haben ähnliches empfunden. Junge Kriegsgegner bewerten den Bombenkrieg in Indochina nicht anders als den Massenmord von Auschwitz. Während verbündete Regierungen sich damit begnügen, ihr Mißbehagen an der amerikanischen Vietnampolitik durch Schweigen zu bekunden (Bundeskanzler Brandt erlaubte sich nur privat eine Meinung zum Massaker von My Lai), möchten diese Jungen das Gewissen der Völker schlagen lassen.

Aber allzuoft schon hat sich die moralisch gewandete Kritik an dem Vorgehen Amerikas als Ausfluß bloßer Anti-Yankee-Ideologie entpuppt. Die Gewaltakte der Vietcong wurden von deren linken Freunden als "selektiver Terror" verharmlost, die menschenverachtende Strategie des Generals Giap lediglich an ihrem Erfolg, nicht an den Opfern gemessen. Nicht weniger einseitig gebärdete sich der Massenprotest auf den amerikanischen Straßen. Er verebbte denn auch in eben dem Maße, in dem die Listen mit den Namen gefallener GIs kürzer wurden. Heute, da auf Vietnam mehr Bomben fallen denn je zuvor, bleibt die Empörung allenthalben erstaunlich gering. Auch in den Metropolen der kommunistischen Weltmächte ist sie fast schon auf ein Lippenbekenntnis reduziert.

Dieser Wandel geht nicht allein auf das Konto der Gewöhnung an Bombenkrieg und Blutvergießen. Der Indochinakonflikt selber hat sich gewandelt. Aus dem schmutzigen Kolonialkrieg der Franzosen, dem respektablen patriotischen Befreiungskrieg des Vietminh ist eine Auseinandersetzung zweier Gegner geworden, die beide unter häßlichem Verdacht stehen. Die Vereinigten Staaten seien – so sagen die einen – nicht frei von imperialistischem Ehrgeiz. Die Führer Nordvietnams jedoch, eine in langen Entbehrungen gestählte Gruppe ehrgeiziger Nationalkommunisten, träumten nicht weniger expansionistisch von einer politisch-ideologischen Vorherrschaft in ganz Indochina – so sagen die anderen.

Auf jeden Fall bleibt es auch für die hilflos zuschauenden Freunde, Bewunderer und Schutzbefohlenen Amerikas ein betrübliches Schauspiel, mit welch kaltschnäuziger Arroganz, mit welch blindwütender Brutalität seit nunmehr sieben Jahren die gewaltigste Militärmaschine der Welt ein schwaches Volk mit Krieg überzieht, auch dort noch, wo die militärische Sinnlosigkeit offenkundig ist. Wer systematisch die eben erst wieder aufgebaute Industrie eines Entwicklungslandes, seine Bahnen, Straßen und Brücken zerstört, wer Napalm und Schrapnellbomben auf Wehrlose herabregnen läßt, wer, gewollt oder ungewollt, Millionen Menschen von Heim und Hütte und von den Gräbern der Ahnen losreißt – der verstößt nicht nur gegen die Kriegsartikel, er begeht nach dem Sinn der Nürnberger Rechtsprechung Verbrechen gegen die Menschheit.

Neuerdings werden den Amerikanern Verbrechen angelastet, die den Schreckensgrad eines Atomkrieges erreichen: Genozid (Völkermord) durch Bombardierung des Deich- und Fluter-Systems am Roten Fluß, Biozid und Ökozid (Verwüstung der Umwelt und Störung des biologischen Gleichgewichts in der Natur) durch Entlaubung, Flächenbombardierung und künstlichen Regen. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Behauptungen zuträfe, bliebe es alarmierend genug. Auch Amerikas Krieg in Indochina ist ein schmutziger Krieg geworden. Der Übergang vom konventionellen zum geophysikalischen Krieg ist ein Ereignis, das die ganze Menschheit angeht und ihre Sprecher anspornen müßte, den Kämpfenden ins Gewissen zu reden.

"Die größte Wohltat im Kriege ist die schnelle Beendigung des Krieges", lehrte der alte Moltke seine Generalstäbler. Wenn die Militärs solch ein schnelles Ende bisher nicht haben erzwingen können, so ist es nun endgültig an den Diplomaten der beteiligten Staaten, bei der neuen Verhandlungsrunde in Paris das Tuch zu werfen. Die Einsicht, daß weder Nordvietnam mit äußerster Kraftanstrengung noch Nordamerika mit raffiniertester Technologie das militärische Patt aufheben können, sollte endlich bewirken, was die Gebote der Humanität schon vor Jahren erfordert hätten.