Im Jahre 1954 schrieb Thomas Mann dem Herausgeber von „Fifty Years of Thomas Mann Studies“ ins Vorwort: „Soll ich ihm für soviel monomanische Treulichkeit etwa nicht voller Erkenntlichkeit die Hand drücken – was immer ich denken möge von der Wichtigkeit seines Betreibens und von der Dankbarkeit, die Mit- und Nachwelt ihm dafür zollen werden? Die Nachwelt macht mir schon darum Zweifel, weil ich viel zuviel im Munde der Mitwelt war; weil diese sich viel zuviel den Mund über mich zerrissen und, fürchte ich, meinen Nachruhm schreibend und redend aufgezehrt hat.“

Daß der Zweifel an seinem Nachruhm unbegründet war, belegt jetzt ein monumentales Zeugnis bibliographischen Fleißes –

„Die Literatur über Thomas Mann – Eine Bibliographie 1898–1969“, bearbeitet von Harry Matter; Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar; Band 1: 701 S., Band 2: 637 S., zus. 160,– DM.

Was sind gegen diese zwei Bände jene 3000 Titel, die des Klaus W. Jonas „monomanische Treulichkeit“ seinerzeit zusammengebracht hatte, auch die 4000, die er mit Ilsedore B. Jonas 1967 in einem zweiten Band folgen ließ! 14426 (vierzehntausendvierhundertsechsundzwanzig) Arbeiten über Thomas Mann in fast drei Dutzend Sprachen hat Harry Matter ermittelt, unterstützt von vielen ähnlichen Monomanen, aber doch auf sich allein gestellt, mit bescheidenen Mitteln und eingeschränkten Reisemöglichkeiten, angewiesen vor allem auf Quellenvergleiche und Korrespondenzen, in jahrelanger Unermüdlichkeit.

So nüchtern das Geschäft des Bibliographierens ist, eine Entscheidung nüchterner Überlegung kann der Entschluß zu dieser Unternehmung nicht gewesen sein. Denn „viel zuviel im Munde der Mitwelt“, publizistisches Für und Wider unablässig provozierend, hat Thomas Mann schon früh die Registratoren gedruckten Geistes beschäftigt. Bereits 1921 entstand die erste Bibliographie der Primärliteratur (als Anhang der Dissertation „Das analytisch-kritische Schaffenselement im Werke Thomas Manns“ von Oskar Jancke), 1939 erschien die erste Bibliographie der Sekundärliteratur (in den „Publications of the Modern Language Association of America“). Inzwischen umfaßt die Bibliographie der Bibliographien bereits fast 50 Titel, darunter auch eine Bibliographien-Bibliographie (von Johannes Hansel)!

Die Unerschrockenheit des Verfassers, noch eine Bibliographie zusammenzustellen und alle anderen schließlich zu übertreffen, läßt sich nur erklären aus der Faszination durch Thomas Mann. Es ist nicht ohne Ironie und deshalb dem Gegenstand seiner Bewunderung durchaus angemessen, wenn sich diese auf die trockenste Weise, die sich denken läßt, ausdrückt.

Das kann den Nutzen dieser Bände nicht herabsetzen. Denn außer der respektablen Zahl der Titel bietet der offenbar mit allen Wassern der Bibliothekskunst gewaschene Herausgeber zahlreiche Hilfen an: übersichtliche Gliederung in sechs Gruppen (Allgemeines, zusammenfassende und einführende Darstellungen, Bibliographien, Forschung – Biographie – Das Werk – Themen und Probleme – Beziehungen zu einzelnen Literaturen und Schriftstellern – Archive und Sammlungen, Gesellschaften und Vereinigungen), innerhalb dieser Gruppe eine chronologische Anordnung, Dezimalklassifikation außer der durchgehenden Zählung, ein ausgeklügeltes Verweisungssystem, vier Register (Zeitschriften, Sachen, Werke, Verfasser). Mit dieser Bibliographie kann ausgezeichnet arbeiten – wer nun noch den Mut besitzen sollte, den 14 427. Beitrag über Thomas Mann zu liefern. Ernst Nündel