Boliviens Verwaltung hat sich noch nie des Rufes unermüdlichen Pflichteifers und preußischer Ordnung erfreut. In dem umsturzfreudigen Andenstaat mag das Wort von der Rechten, die nicht weiß, was die Rechte tut, heute mehr denn je zutreffen. Dennoch – das Schicksal von zwölf deutschen Entwicklungshelfern enthüllte ein bisher unbekanntes Chaos.

Am 11. Juli wurden in Santa Cruz neun Mitglieder des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) festgenommen und dreieinhalb Tage in Gewahrsam gehalten – ohne Begründung, ohne Verhör. Die Behörden verschanzten sich hinter Anweisungen aus der Hauptstadt La Paz; doch als Präsident Banzer von dem Fall erfuhr, ordnete er die Entlassung an.

In La Paz wurden am 3. und 4. Juli zwei Helfer und der Beauftragte des DED, Gerd Merrem, ebenfalls verhaftet, nach mehreren Tagen freigelassen und anschließend erneut verhaftet; inzwischen sind auch sie wieder auf freiem Fuß. Diesmal bequemte sich das Innenministerium dann doch zu vorwurfsvollen Behauptungen, und zwar, chronologisch geordnet: Kontakte zu subversiven Zirkeln (dies soll Frau Merrem, Verwandte eines amtierenden bolivianischen Ministers, erklärt haben); Vorbereitung zur Ermordung des Präsidenten; Fluchthilfe (Merrem soll nach dem Sturz der Regierung Torres den oppositionellen Rektor der Universität Santa Cruz ins Ausland geflogen haben); aktive Hilfe für oppositionelle Politiker (vor einem Jahr!); Besitz von subversivem Material.

Ob die zwölf zwischen die Fronten innenpolitischer Machtkämpfe gerieten oder Opfer eines Ehekrachs im Hause Merrem wurden oder einer nationalistischen Sicherheitshysterie erlagen oder sich unzulässig in die inneren Angelegenheiten Boliviens einmischten, steht noch dahin. Das Vorgehen der Regierung in La Paz widersprach auf jedem Fall dem Recht.

Die Bonner Opposition, in Vorwahlkampfstimmung, sah gleich ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Zerstöre nicht ein linkspolitisierter DED die Basis für seine bisher erfolgreiche Tätigkeit? Die provozierenden Fragen waren fehl am Platze. Jeder Bürger im Ausland hat ein Anrecht auf die Hilfe seiner Regierung, unabhängig von seiner politischen Einstellung – und erst recht, solange Beweise für sein Verschulden fehlen. H. B.