Andrej Sacharow – sowjetischer Kernphysiker, Mathematiker, Kosmologe – ist, seit im Jahre 1968 sein Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ erschien, im Westen bekannt. Zwei Jahre später richtete er zusammen mit den Professoren Turtschin und Medwedew einen Brief an das sowjetische ZK, und jetzt nun folgte sein zweites Memorandum, das die ZEIT heute als erste westliche Zeitung im vollen Wortlaut veröffentlicht. In allen diesen Äußerungen geht es um gesellschaftliche Probleme und um bürgerliche Freiheit.

Andrej Dmitrijewitsch Sacharow wurde 1921 geboren. Über seine Familie und seine Jugend ist wenig bekannt. Sein Studium an der Moskauer Staatsuniversität beendete er 1942. Unter Professor Igor Tamm (Nobelpreisträger von 1958) arbeitete er während des Krieges am Lebedew-Institut für Physik in Moskau. Mit 26 Jahren wurde er 1947 zum Doktor der Physikalisch-Mathematischen Wissenschaften promoviert. Ende 1949 oder Anfang 1950 gelang Professor Tamm, Sacharow und ihren Mitarbeitern jener wissenschaftliche Durchbruch auf dem Feld der kontrollierten thermonuklearen Fusion, der es der Sowjetunion ermöglichte, als erstes Land eine Wasserstoffbombe zu zünden. Von 1948–1964 war Sacharow vermutlich mit militärischen Forschungsaufgaben betraut. Hohe Auszeichnungen bezeugen die Wichtigkeit seiner Leistungen: Stalinpreis, Leninorden, Wahl zum Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR im Alter von nur 32 Jahren – eine in der Sowjetunion beispiellose Ehrung.

Im Jahre 1958 nahm er an der zweiten Genfer Atomkonferenz teil. Im selben Jahr veröffentlichte er einen Artikel über die biologischen Auswirkungen radioaktiven Niederschlags. Als Mitautor eines Prawda-Artikels über Chruschtschows Vorschläge zur Schulreform trat er zum erstenmal aus dem Bereich der Naturwissenschaften heraus. Seitdem hat er sich immer stärker als Anwalt weitreichender demokratischer Reformen des Sowjetsystems profiliert.

Am 19. März 1971 schickte Sacharow ein zehn Seiten langes „Memorandum“ (pamjatnaja sapiska) an den Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnjew. Es enthielt eine lange Liste sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Reformvorschläge. Als Sacharow nach Ablauf eines Jahres noch immer keine Antwort erhalten hatte, übergab er im Juni 1972 westlichen Korrespondenten Kopien jenes Dokuments. In einem „Nachwort“ (posleslowie), das hier ebenfalls veröffentlicht wird, macht er zu einigen Punkten des ursprünglichen Memorandums noch ergänzende Ausführungen. A. B.