Von Hisako Matsubara

Der neue japanische Ministerpräsident Kakuei Tanaka paßt eigentlich gar nicht in die politische Landschaft Nippons. Er kommt nicht aus einer der mächtigen Familien, noch nicht einmal von der Tokyo Daigaku, jener Elite-Universität, deren Absolventen fast zwangsläufig in Führungspositionen katapultiert werden. Er hat überhaupt keine Universität besucht. Das ist einmalig. Auch hat er sich nicht durch Heirat an eine der mächtigen Gruppen angehängt, um durch Verwandtschaft auszugleichen, was ihm selber an Herkommen fehlt.

Normalerweise ist solch eine Situation in Japan aussichtslos. Keiner der großen Wirtschaftsbosse, keiner der Bankpräsidenten, keiner der Ministerkollegen im Kabinett kann sagen: „Er ist unser Kamerad von der Schulbank her.“ Oder: „Sein Onkel ist ein Vetter von mir um drei Ecken.“ Oder: „Sein Vater war meines Vaters Freund, sein Großvater meines Großvaters Kollege.“ Niemand ist ihm aus diesem Grund zur Gefolgschaft oder Freundschaft verpflichtet. Er hat keine Clique hinter sich. Er ist ein Selfmademan.

Daß es so etwas in Japan gibt, muß jeder, der die unterirdischen Verflechtungen von tausendfach wechselseitigen Abhängigkeiten etwas kennt, als höchst ungewöhnlich bezeichnen. Daß er als Wirtschafts- und Außenhandelsminister den wichtigsten Posten im Kabinett innehatte und von dort aus jetzt den Sprung ins Amt des Ministerpräsidenten schaffte, das drückt diesem Mann den Stempel des Ungewöhnlichen auf.

Angefangen hat er als Fischersohn in einem Küstendorf im schneereichen Nordwesten. Nach der Volksschule wurde er Straßenbauarbeiter. Dann zog es ihn nach. Tokio. Er wurde Laufbursche in einem Architektenbüro. Nachts büffelte er, vor allem Mathematik. Dann wurde er Vorarbeiter auf dem Bau, schließlich Bauleiter. Als der Krieg kam, wurde er Soldat. In der Mandschurei ließ er sich einen unsoldatischen Vollbart wachsen, was disziplinarische Folgen nach sich zog. Als irgendwo ein großes Bauvorhaben nicht vorankam, erinnerte man sich seiner. Er erbot sich, das Projekt durchzuziehen – unter der Bedingung, daß er aus der militärischen Rangleiter herausgenommen und ihm als Bauingenieur eigene Befehlshoheit zugestanden würde.

Tanaka teilte die Arbeit ein: Sein früherer Obergefreiter diente ihm als Laufbursche, sein Feldwebel mußte ihm die Bleistifte spitzen, der Kompaniechef pauste die Pläne ab, vom Divisionsstab ließ er sich mit Schnaps versorgen. So arbeitete er rund um die Uhr und beendete den Auftrag in Rekordzeit. Sein Spitzname: Mister Bulldozer.

Nach dem Krieg verdiente er sich im Baugewerbe ein hübsches Vermögen. Früh stieg er in die Politik ein. Er wurde konservativer Abgeordneter, Staatssekretär, Finanzminister. Sein Spitzname war bald: Mister Computer. Mit 53 Jahren war er das jüngste Mitglied in einem Kabinett der überwiegend Siebzigjährigen.