Private und gesetzliche Krankenkassen streiten sich um Mitglieder

Roland Gerber, Student an der Universität Hamburg, staunte nicht schlecht: Knapp zehn Monate, nachdem die Kaufmännische Krankenkasse Halle (KKH) ihren Schüler- und Studententarif B 50 (ohne Anspruch auf Krankengeld) von 14 auf 18 Mark erhöht hatte, überraschte ihn die Kasse mit einer drastischen Tarifsenkung. Seit Jahresbeginn zahlt der Student nur noch elf Mark monatlich für seine Krankenversicherung. In ihrem Jahresbericht ’71 beklagen die Angestelltenkrankenkassen hingegen eine „Kostenexplosion“.

Roland Gerber ist Nutznießer eines Wettkampfes, bei dem die gesetzlichen Krankenkassen um die Gunst deutscher Hochschüler buhlen. Mit großangelegten Plakat-Aktionen versuchen die deutschen Ersatzkassen die in der Deutschen Studentische Krankenversorgung (DSKV) Versicherten zum Eintritt in die Ersatzkasse zu bewegen. Die Studentenzeitung „VDS-press“ wußte sogar von Bestechung: An der Uni Düsseldorf sollte den Studentenfunktionären vom AStA pro Kommilitone, der in die Ersatzkasse wechselt, 20 Mark versprochen worden sein. Studenten der Uni Frankfurt sollen den Versicherern sogar 25 Mark wert gewesen sein, den Funktionären der Erlanger Uni wurde „Bargeld und Cognac“ geboten.

Der Versicherungswechsel wird den Hochschülern leicht gemacht: Während der Semesterferien müssen sie für ein paar Wochen ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis eingehen, und schon besitzen sie ein unkündbares Recht auf die Versicherungsleistungen einer Ersatzkasse.

Den privaten Krankenversicherungs-Gesellschaften war der Werbefeldzug an den Universitäten nicht verborgen geblieben. Jeder Schritt der Ersatzkassen wurde vom Verband der privaten Krankenversicherungen e. V. in Köln mit Argwohn verfolgt. Die bevorstehende Beitragserhöhung nahmen die Kölner Interessenvertreter nun zum Anlaß, die Tarifpolitik der Ersatzkassen öffentlich zu diskutieren. Wichtigstes Argument der privaten: Studenten werden bei den Ersatzkassen auf Kosten pflichtversicherten Arbeitnehmer kostengünstige Tarife angeboten.

Tatsächlich decken die preisgünstigen Beiträge der Ersatzkassen bei weitem nicht die Kosten, die von den Kassen an Ärzte und Krankenhäuser für die Behandlung von Studenten erstattet werden müssen. Die Ersatzkassen fordern von einem Familienvater, der 1000 Mark Gehalt bezieht, Monat für Monat 95 Mark Beitrag für die Krankenversicherung ab. Deshalb könne man, so schließt der Kölner Verband, nur von einem „Nulltarif“ für die Studenten sprechen.

Die privaten Krankenkassen verargen den Ersatzkassen, daß sie im Schutze der Gesetze günstigere Tarife anbieten können, weil ihnen eine „Mischkalkulation“ erlaubt ist. Die Privaten müssen ihre Tarife dagegen nach Risikogruppen getrennt berechnen. Vor allem aber ist den Kölnern ein Dorn im Auge, daß die Studenten, die einmal für die gesetzliche Krankenversicherung gewonnen wurden, für immer Mitglieder bleiben.