Es gibt in diesem Lande niemanden, der sich so lange und so intensiv in Theorie und Praxis mit allen Fragen des Lehrens und Lernens – vom Kindergarten bis zum Großforschungsprojekt – auseinandergesetzt hätte wie die promovierte Chemikerin (1945), wissenschaftliche Redakteurin (1947–1948), Münchner Stadträtin und Abgeordnete des Bayerischen Landtags (1948–1966), Staatssekretärin im Hessischen Kultusministerium (1967–1969), Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (1969-1972) und heutige Fraktionsvorsitzende der FDP im Bayerischen Landtag, die jetzt ihr achtes Buch vorgelegt hat –

Hildegard Hamm-Brücher: "Unfähig zur Reform?" – Kritik und Initiativen zur Bildungspolitik; Serie Piper 27, R. Piper u. Co. Verlag, München; 184 S., 8,– DM.

Der Tenor des Buches heißt "Dennoch". Hildegard Hamm-Brücher hat miterlebt, wohl nicht ganz passiv, wie es in der Regierungserklärung der sozial-liberalen Koalition vom Oktober 1969 hieß, "Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung stehen an der Spitze der Reformen, die es bei uns vorzunehmen gilt" – und wie diese Reformen dann von der Spitze immer weiter abfielen, bis sie schließlich bei der Nachhut landeten. Sie hat die Konsequenzen daraus gezogen. In diesem Rechenschaftsbericht untersucht sie, warum es so kam und ob es so kommen mußte.

An Schuldigen werden genannt:

  • "eine verwirrende, nachgerade kabarettreife Zahl von Kommissionen, Geschäftsstellen, Ausschüssen, Gremien, Ministerien und Bürokratien, die sich immer wieder in Sitzungen, Sitzungen und noch einmal Sitzungen treffen" (S. 44), "wo immer dieselben Leute, nur mit anderen Hüten, auftreten" (S. 66);
  • die "gültigen verfassungsrechtlichen Bedingungen" (S. 9);
  • die "sowohl hyper-föderalistischen als auch obrigkeitsstaatlichen Strukturen" (S. 10);
  • die Kultusministerkonferenz (KMK) – "trotz ... Geschäftigkeit und eines beträchtlichen Aufwands bestand und besteht ihre Tätigkeit außer in einer höchst vordergründigen Kooperation und Koordinierung gerade darin, in allen relevanten Planungs- und Reformentscheidungen zu passen" (S. 16/17);
  • die finanziellen Schwierigkeiten (mehrfach erwähnt);
  • "das fehlende, zumindest nicht ausreichende bildungspolitische Selbstverständnis des Bundes, das sich niederschlägt im wenig flexiblen Denken und Handeln der ministeriellen Ressorts und den zwischen ihnen aufgesplitterten Zuständigkeiten, in der Bremserhaltung des Bundesrats, im offenkundigen bildungspolitischen Desinteresse der Mehrheit des Bundestages und schließlich in der somit fast hoffnungslosen Lage der Bildungspolitiker aller Parteien" (S. 34);
  • die Tatsache, daß die Zusammenhänge "der Öffentlichkeit – angesichts des Labyrinths von Zuständigkeiten und der babylonischen Sprachverwirrung der Experten und Ideologen – kaum noch verständlich gemacht werden" können (S. 38).

Aus den Angaben der Seitenzahlen ergibt sich, daß ich mir diese Liste zusammengesucht habe. Man wünschte sich manches manchmal etwas konzentrierter, konkreter und drastischer im ersten Teil dieses Buches, das doch "provozieren" will; man findet sich dafür entschädigt im zweiten mit seinen sehr anschaulichen und immer wieder einleuchtenden Arbeitsberichten über notwendige Reformen, liberale Bildungspolitik, Vorschulerziehung, Gesamtschule, Sonderschulen, Volkshochschulen, Gesamthochschule,’ Bildungsreform als Gesellschaftsreform, Bildungsplanung international und die Entwicklung des Bildungswesens in der Bundesrepublik. Da handelt es sich um Aufsätze und vor allem um Vorträge, bei denen die Autorin ein Publikum vor sich sah, mit dem sie deutlich reden mußte. Wenn sie zum Beispiel darüber berichtet, wie sie in Hessen Gesamtschulen einrichtete, dann bleibt dem Leser nur Bewunderung.

Beim eher theoretischen ersten Teil hat der Leser zumindest manchmal Einwände, die immer wieder auf den gleichen Hauptnenner gebracht werden können: noch deutlicher, noch konkreter, bitte.