Hamburg

In Hamburg, der winddurchwehten Stadt Merkurs, kippte der Erfolg der bisher einzigen City-Fußgängerzone sowohl die Planet als auch den Senat aus der Fassung: Es tut sich Leben dort, wo Autos ausgesperrt seit nunmehr drei Jahren sind. Und nicht nur das: Es quirlt sogar. Einfach so, unfaßbarerweise aus purem Spaß und auch bei Regenwetter. Mit unverhülltem Staunen registrierte die Baubehörde, was Bürger in die sonst so geschäftsbestimmte Mitte ihrer Stadt zog: „Die Tätigkeiten, die mit den gängigen Vorstellungen von City korrespondieren wie Einkaufen, Arbeitsweg usw. machen nur 45 Prozent der Nennungen aus“, belegte eine empirische Studie, „53 Prozent der Nennungen enthalten dagegen zweckfreie Tätigkeiten wie Schaufensterbummeln, Spazierengehen, Essen usw.“

Das schlug ein in die beharrlich wiederholten Geschichten vom biederen Hamburger, von dem behauptet wird: Wo immer oder wann immer man ihn trifft – er hat entweder Geschäfte im Sinn, oder er ist gerade auf dem Weg nach Hause. Das schlug auch tief ein in baubehördliche Konzepte, so daß ein Baurat andächtig zu Papier brachte: „Sollten diese Zahlen auch in der übrigen geschäftigen Innenstadt bestätigt werden, so müßte man sich wohl daran gewöhnen, Hamburgs Innenstadt mindestens ebensosehr als Freizeitzentrum zu betrachten wie als Geschäftszentrum, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen für Städtebau und Investitionsplanung ...“

Was hamburgische Eigenart derart umkrempelte und unerwartet eine „Oase des Bummelns“ schuf, hatte zu Anfang längst nicht überall Zustimmung erfahren: Das „Fußgängerparadies Spitalerstraße“, wie es heute auch heißt, erstreckt sich parallel zur prominenten Hauptgeschäftszeile, der Mönckebergstraße. Das heißt, die Spitalerstraße lief früher im wahrsten Sinne des Wortes „nebenher“, war nie Zentrum von dem, was Hamburger unter „ihrer Stadt“ verstehen, doch bot sie von jeher die Möglichkeit, überhaupt in der City „im Kreis zu gehen“. Während Hamburgs Stadtzentrum immer nur von einem Ende bis zum anderen begangen werden kann – einmal hin, einmal wieder her, vom Hauptbahnhof zum Rathaus und zurück, oder den Jungfernstieg auf und ab – bot sich die Spitalerstraße mit ihrer lückenlosen Ladenreihe als freundlicher Spazier-Schlenker Richtung Hauptbahnhof an.

Erster Versuch war der Neue Wall, die Miniaturausgabe der Londoner Bond-Street, aber von gleicher teurer Würde. Der Versuch scheiterte – trotz Alsternähe, trotz der Tatsache, daß Hamburgs vornehmste Einkaufsstraße direkt auf die Bummel-Avenue Jungfernstieg zuläuft: Die Straße wurde nicht eingeebnet. Der Fußgänger konnte sie nie ganz besiegen – da waren noch die Kantsteine und in der Mitte die Fahrbahnen, die auch ohne Autos bedrohlichen Charakter behielten. Außerdem gab’s keine zufriedenstellende Lösung für den Anlieferbetrieb – Idee gestorben.

Mit gleichen, ökonomischen Vorbehalten kam auch das Experiment Spitalerstraße nur langsam in Schwung. Doch dann wurde es eine runde Sache: Das Straßenpflaster fiel, Fliesenwege mit Vitrinen in der Mitte entstanden, und allerlei „street furniture“ wie Bänke, Laternen, Blumenkübel verhalfen der ehemaligen, trennenden Straße zu einem gemütlichen Raumeindruck. Mit Straßencafes und einem Brückencafé in bezauberndem, ganz und gar unhanseatischem Schnick-Schnack-Stil, mit einem ausgeprägt ästhetischen neuen Verwaltungsgebäude, mit einer modernen Säulenskulptur und dem dorischen Tempelchen hinter voluminösen Brunnenfiguren wurde die Fußgängerstraße zum Sammelplatz für Spaziergänger, Stadtluftschnupperer, für Leute mit Zeit zwischen zwei Einkäufen, für Gammler und Diskussionsrunden, für Mittagspausen-Gäste. Kommentar der Baubehörde: „Offenbar wird dieses Ensemble Spitalerstraße als etwas Markantes, Solides und urhamburgisch ‚Gediegenes‘ empfunden, dessen Ausstrahlung sich deckt mit dem allgemeinen Image Hamburgs.“

Zufrieden sind jedoch auch die Geschäftsleute – soweit ein Kaufmann hierzulande solches zugibt: 29 Unternehmen erklärten, dieser Umbau habe sich für sie gelohnt, für zwölf war er ohne Einfluß, und nur drei glauben, er habe ihnen geschadet. Was sich sonst in Zahlen ablesen läßt: 26,3 Prozent mehr Passanten spazieren durch die Spitalerstraße als noch vor zehn Jahren. Rund ein Sechstel aller Fußgänger im Innenstadtbereich kommen mindestens einmal durch diese Zone. Werktags rund 60 000, an verkaufsoffenen Sonnabenden sogar 100 000. Nur eins ist wie immer: Nachts stirbt die Stadt wieder dahin. Ladenschluß verjagt auch Fußgänger.

Während bisher nur in Neubaugebieten – in allen Einkaufszentren nämlich – autofreie Zonen eingeplant wurden, soll allerdings Hammonias Mitte in Zukunft fußgängerfreundlich werden: Die „Oase des Bummelns“ soll sich unterirdisch über den Gerhart-Hauptmann-Platz zum Jungfernstieg fortsetzen, und später wird hinterm Rathaus, wo die Stadt sich in Uralt-Mauern zerstückelte, eine Fleet-Insel Käufer und Kommerz, Gaffer und Gammler zusammenziehen. Hamburg nennt sowas „Stadtplanung als angewandte Psychologie“. Eva Kohlrusch