Bonn, im Juli

Je näher die Bundestagswahl rückt, in der die mündigen Bürger entscheiden sollen, welche Partei sie für besser halten, desto mehr bemühen sich die Parteien, die Bürger durch Schlagworte zu entmündigen. Während die Wahlstrate gen der großen Parteien heimlich darauf hoffen, daß die radikalen Flügelparteien dem Gegner das Leben schwer machen, daß also die DKP der SPD einige Prozente abzwackt und die NPD das Wählerreservoir der Union anzapft, sind ihre Ideologen eifrig dabei, die Konkurrenzpartei des Radikalismus zu verdächtigen.

Franz Josef Strauß, wie immer schnell im Ausnutzen demagogischer Möglichkeiten, hat ein geeignetes Schlagwort für diese Art von Wahlkampf geliefert, und es hat inzwischen Schule gemacht: von der „Volksfront“ ist die Rede. Mit diesem Begriff wird unterstellt, daß Sozialdemokraten und Linksradikale ein innenpolitisches Bündnis eingegangen seien – ein Bündnis, das die Vorstufe zur kommunistischen Machtergreifung darstelle. Kanzleramtsminister Ehmke nannte demgegenüber die Zusammenarbeit zwischen Christlichen Demokraten und Zoglmanns Deutscher Union eine „Volksfront von rechts“.

Die Verwendung solcher Schlagworte, vor allem die Benutzung des emotional aufgeladenen Begriffs „Volksfront“, läßt für den Wahlkampf allerlei erwarten. Polarisierung ist dafür ein viel zu harmloser Ausdruck. Hier wird auf Dummheit und Vergeßlichkeit der Wähler spekuliert – und vor allem auf ihre Angst. R. Z.