Von Horst Bieber

In der Geschichte der Nationalsozialistischen

Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) nehmen der mißglückte Münchner Novemberputsch von 1923 – "der Marsch zur Feldherrnhalle" – und in kaum geringerem Maße der anschließende Hitler-Prozeß eine Schlüsselstellung ein. Die Vorgänge und Hintergründe sind oft dargestellt und von verschiedener Warte aus bewertet worden. An Genauigkeit und Faktenreichtum wohl nicht mehr zu überbieten ist die Darstellung eines amerikanischen Historikers:

Harold J. Gordon jr.: "Hitlerputsch 1923 – Machtkampf in Bayern 1923–1924"; aus dem Amerikanischen von Hans Jürgen von Koskull; Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt 1971; 580 S., Abbildungen, Tafeln; 39,– DM.

Gordon schrieb einen minuziösen "Tatreport", angereichert mit Details und Anekdoten. Fast jeder Schritt der maßgeblichen vier Verschwörer wird nachgezeichnet: des Triumvirats der bayerischen Politiker und Offiziere Kahr, Lossow und Seißer und des Mannes, der sie am Ende alle überspielte: Adolf Hitler. Wesentlich neue Aspekte fehlen; damit war auch kaum zu rechnen.

Dennoch ist Gordons Fleißarbeit mehr als nur die summary eines Putsches. Breit ausgemalt wird, was sich da an nationalistischen, völkischen und rassistischen Gruppen und Splittergrüppchen, an Organisationen, Vereinen und Wehrverbänden im Reich und speziell in Bayern tummelte. Gordon rückt Fehlurteile zurecht: Hitler und seine Partei waren nur ein Giftpilz unter vielen, durchaus nicht von Anfang an der stärkste und gefräßigste. Den (Nähr-)Boden für die NSDAP hatten andere lange vor ihrem Auftreten zubereitet; daß sie ihn später allein besetzen konnte, ging freilich auf Hitlers Erfolgskonto. Noch erstaunlicher ist, wie stark – personell und organisatorisch – diese Grüppchen mit gleichgesinnten Organisationen des Kaiserreichs verbunden waren.

Die zweite wichtige Erkenntnis ist der von Gordon ebenfalls präzis geführte Nachweis, daß diese Gruppen alles andere als homogen waren, vielmehr ihre Hauptkraft in Konkurrenzkämpfen erschöpften, so daß sich der entschlossenste Kämpfer mit einiger Folgerichtigkeit durchsetzen mußte. Gerade die inneren Auseinandersetzungen erlauben aber den Schluß, daß es sich weniger um zielgerichtete Bewegungen als um protestierende Randgruppen handelte, die nebulosen Phantasien nachjagten oder allgemein ein nicht näher zu beschreibendes politisches und soziales Unbehagen artikulierten.

Ohne die teils heimliche, teils offene Unterstützung durch den Generalstaatskommissar, den Chef der Landespolizei und den Wehrkreiskommandeur wäre freilich dieses brodelnde Leben im bayerischen Untergrund nicht möglich gewesen. Ohne die Kreuz- und Querverbindungen zwischen politischem Untergrund, Reichswehr und bayerischer Politik, ohne die ungeklärten und verworrenen Befehlsverhältnisse hätte sich auch ein Hitler nicht durchsetzen können. Dies ist der dritte Pluspunkt der Studie: der Nachweis, daß Bayern tatsächlich die "Unordnungszelle des Reiches" war.

Wesentlich ergänzt wird Gordons Studie durch die Berichte eines württembergischen Diplomaten:

Wolfgang Benz (Hrsg.): "Politik in Bayern 1919–1933. Bericht des württembergischen Gesandten Moser von Filseck"; Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1971; 290 S., 20,– DM.

Eine Stuttgarter Gesandtschaft in München ist im Zeitalter der Presse und des Telegraphen schon ein rechter Anachronismus, der allerdings dem Historiker sehr gelegen kommt. Denn die sehr sorgfältigen, abgewogenen, informationsreichen – und zahlreichen! – Berichte zeichnen weniger im Einzelstück als in der chronologischen Reihung ein lebendiges Bild vom bajuwarischen Lokalpatriotismus, blauweißer Überheblichkeit, unreflektierter Treue zur Monarchie, Reichsfeindschaft – die bis zur Hysterie ging – und politischer Blindheit, eben all jener Elemente, ohne die der Hitlerputsch nicht zu erklären ist.

Der Herzensmonarchist Moser von Filseck stand diesem Treiben mit abschätziger Kühle gegenüber. Zwar unterdrückte er geflissentlich persönliche Stellungnahmen; aber unverkennbar begrüßte er die mit der "Ära Held" einsetzende Versachlichung der bayerischen Politik, obschon deren Kurs noch immer auf mehr Selbständigkeit und Reichsunabhängigkeit gerichtet war.

Die recht geschickte Auswahl des Herausgebers läßt jene schwankende Taktik der Landesregierung deutlich werden, die sowohl die Rechtsradikalen abwehren als auch in das Anti-Berlin-Konzept einpassen wollte. Deutlich wird ebenfalls, wieviel Rückhalt jene Bewegungen auf der Rechten in der Gesellschaft hatten, wie wenig "Reichsbewußtsein" in Bayern existierte.

Trotz der bayerischen "Urzelle" wurde aber der Sieg des Nationalsozialismus in den protestantischen Gebieten nördlich des Mains gesichert und in einer Wählerschaft errungen, die trotz des "A" im Parteinamen sich wesentlich aus dem Mittelstand rekrutierte. Dabei ging es nicht ohne tiefgehende Differenzen mit der Parteizentrale in München ab, wie es überhaupt in der Rückschau erstaunlich erscheint, welch kontroverse Strömungen in der NSDAP verschmolzen werden konnten:

Jeremy Noakes: "The Nazi Party in Lower Saxony 1921–1933"; Oxford University Press 1972; 273 S., 4,– £.

Noakes beschreibt in seiner Fallstudie ein Gebiet, in dem ein ländlicher Mittelstand, stark geprägt von antipreußischen Tendenzen, die politische und soziale Struktur bestimmte. Auch hier dasselbe Bild: eine Vielzahl völkischer, nationaler und rechtsradikaler Gruppen, unter denen sich die Nazis in zähem Kampfe behaupteten, da sie die Interessen des agrarischen und kleinindustriellen Mittelstandes dank ihrem mehr als unscharfen Parteiprogramm "vertreten" konnten.

Noakes zeigt aber noch mehr: Die NSDAP war für viele eben die bisher durch Mißerfolge nicht belastete Partei. Sie wurde attraktiv durch Aktivität und durch jenen mehr überzeugenden als realen Anschein des Erfolges. Sie fesselte ihre Mitglieder dadurch, daß sie jedem eine Aufgabe zuwies – besonders anziehend für Jugendliche; gleichzeitig war sie so aufgebaut, daß sie Männern mit "Führerqualitäten" den Weg zu Ämtern und Funktionen eröffnete. Sehr viel hing von einzelnen Persönlichkeiten ab (etwa Dincklage, dem "Major mit dem Rucksack"), aber sie konnten Erfolge nur vorbereiten – die Konsolidierung verdankte die Partei ihrer straffen Organisation mit überwiegend paramilitärischen Elementen.

Trotz vieler wertvoller Einzelerkenntnisse verzichtet der Autor – schweren Herzens, wie es scheint, aber zu Recht – auf eine Generalisierung aller Faktoren, die den braunen Erfolg im ganzen Reich bestimmten. Für Niedersachsen indes kann er aus bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen Folgerungen ziehen. Die Bemühungen der Nazis um die Arbeiterschaft blieben hier vor 1928 erfolglos und wirkten sich erst nach 1930, also in der Wirtschaftskrise positiv aus.

Nichts fürchtete der niedersächsische Mittelstand so sehr wie die Sozialdemokratie mit ihren tatsächlichen oder nur unterstellten Forderungen – aus dieser Sicht hatte Hitler recht, als er den Versuch der Arbeitsgemeinschaft (Goebbels, Strasser) unterdrückte, ein national sozialistisches Parteiprogramm verbindlich zu machen. In einer konservativen Umgebung wie in Niedersachsen verbot sich jedes revolutionäre Element – so gehörte es zur erfolgreichen Taktik der Nationalsozialisten, nichts Neues aufzubauen, sondern bestehende Einrichtungen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Für alle Behauptungen bringt das ausgezeichnete Buch von Noakes klare Beweise. Darüber hinaus drängt sich nach der Lektüre der Eindruck auf, daß die Nazi-Partei und ihre Organisationen den einzelnen zu Taten veranlaßt haben, deren er allein kaum fähig gewesen wäre. Offensichtlich kam die nationalsozialistische Bewegung einem sonst unbefriedigten Gefühl nach Gemeinschaft entgegen, nach Sicherheit durch Einordnung. Der daraus folgende Umkehrschluß stellt dem Selbstbewußtsein des Mittelstandes ein Armutszeugnis aus. Der Mittelstand dachte nicht emanzipatorisch, sondern defensiv; er verstand Gemeinschaft primär als Element gemeinsamer sozialer Sicherung; er war ständisch aus Angst vor Konkurrenz und Zwang zur individuellen Bewährung. "Bloß keine Revolution" – Hitlers Einsicht, nach 1923 konsequent den "legalen" Weg zu gehen, erweist sich in der Rückschau als die Voraussetzung seines Erfolges.

Als Revolutionäre und damit die eigentlichen Feinde des Mittelstandes erschienen aus dieser Sicht die Sozialdemokraten. Bedenklich und für die republikanischen Parteien gefährlich, weil kaum abzuschätzen, war die Tatsache, daß ausgerechnet der Mittelstand zum Nährboden für den Nationalsozialismus werden sollte. Von ihm hatten die Republikaner eine stabilisierende Funktion erwartet – die er unter anderen Vorzeichen auch ausübte –, aber sie verkannten, daß er seine Vorbilder im sozialautoritären Kaiserreich suchte:

Heinrich August Winkler: "Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik"; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1972; 307 S., 34,– DM.

Winklers Arbeit läßt, nach ausführlicher Darstellung, keinen Zweifel mehr, daß sich Nationalsozialisten und Mittelständler in der "rigorosen Ablehnung einer Emanzipation der Arbeiterschaft" trafen, "die zugleich den Abbau bestehender Privilegien hätte bedeuten müssen". Der "Sozialismus" der NSDAP war akzeptabel, sobald die Partei klargestellt hatte, daß sie soziale Konflikte in einer "zwangsverordneten Volksgemeinschaft" aufheben wollte, daß sie also jenem Sozialprotektionismus huldigte, der die Sicherung aller von der technisch-industriellen Entwicklung bedrohten Gruppen versprach und ihr Schutzbedürfnis als legitim anerkannte. Freilich ging der Nationalsozialismus noch einen, ja den entscheidenden Schritt weiter: Er propagierte den Mittelstand als den Normalstand, nach dem sich die Entwicklung zu richten habe.

Zeitgenössische Beobachter haben schon sehr früh erkannt, daß im Nationalsozialismus kleinbürgerliche Existenzen die Schlüsselpositionen beherrschten, neben ihnen Gescheiterte, sozial Defekte, aus der Bahn Geworfene. Daneben zog er, was sich heute besser beurteilen läßt, Personen an, die sich in ihrem sozialen Status bedroht fühlten – also nach damaligen bürgerlichen Anschauungen noch durchaus respektable Figuren, "Vorzeige-Nazis", schließlich aber auch "Überzeugungs-Sympathisanten", die den nationalen Gedanken allen Ernstes bei der NSDAP am besten aufgehoben glaubten, und – last not least – eine Gruppe fachlich kompetenter, wenn auch im Urteil unselbständiger Staatsdiener, denen "ordentliche Verwaltung" fast Selbstzweck geworden war.

Alle diese Eigenarten lassen sich geradezu exemplarisch an der SS nachweisen:

Shlomo Aronson: "Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD"; Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1971; 340 S., 20,– DM.

Eins steht nach diesem Buch endgültig fest: Die Rolle Heydrichs ist bisher weit überschätzt worden. Er war, da Himmler nie die Zügel aus der Hand ließ, stets nur ein Rädchen im Getriebe und immer nur so groß, wie es der "Reichsführer" wünschte. Aronson hat dies sehr schnell erkannt und dann ein vorzügliches Buch geschrieben, das leider den falschen Titel trägt. Thema seiner Untersuchung ist, nach einleitendem Exkurs über Heydrichs Leben und seine berufliche Laufbahn bis zum selbstverschuldeten Scheitern, die Frühgeschichte von SD und Gestapo, die Übernahme der Polizei durch die SS und die Durchdringung des staatlichen Apparates durch die "Parteipolizei", die Ausfüllung einer intakten Staatsappatur mit nationalsozialistischem Gedankengut auf "ordentlichem", in diesem Falle verwaltungstechnisch korrektem Wege.

Aronsons Buch setzt allerdings einen geduldigen Leser voraus, der sich für die Geschichte der in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzenden Verwaltung erwärmen kann. Es war ja gerade die Technik der Nationalsozialisten, nur wenige eigene Leute in die Schaltstellen einzuschleusen, dann aber durch parallele Entscheidungszentren

den alten Apparat punktuell zu durchdringen und diesen Knotenpunkten der beiden "Dienstwege" das ganze Gewicht der Partei zur Seite zu stellen. Sehr viele Beamte haben dieses Spiel nicht mitgemacht; mochten sie auch keine Demokraten sein, so gab es doch – wenn man so will – "kaiserliche" Kriterien des Anstands, die sie nicht preisgeben wollten. Sie wurden ersetzt durch parteilose, auf Karriere bedachte Typen, die freilich unter jedem Regime ihren Weg gemacht hätten. Dieser Austauschprozeß gelang, weil zusätzlich viele Akademiker, mit rechter Witterung für die Erfolgreichen, in die Polizeiverwaltung eintraten.

Trotzdem gerieten die Nazis häufiger in Schwierigkeiten, da die Verwaltung nicht gewillt war, gewisse Begriffe der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit einfach über Bord zu werfen. Hier operierten die Nazis mit Zuckerbrot und Peitsche: Sie schafften neue, bisher unbekannte Kompetenzen und drohten mit Entlassung. Dank der Vermischung von Partei- und Staatshierarchie war es ein leichtes, noch bestehende Gesetze zu umgehen.

Heydrich hat bei dieser Entwicklung keine bedeutende Rolle gespielt. Dafür kann man seine Laufbahn als typisch betrachten: ein Gescheiterter, der sich als Mitglied einer Elite fühlte und in der SS den Balsam für seine verletzte Eitelkeit fand. In der Tat zeigen die vielen Kurzlebensläufe des Buches, daß die SS eine Art Elite war: ein Sammelbecken von Nationalsozialisten, die zwar berufliche und menschliche Enttäuschungen erlitten haben mochten, dabei aber nicht den Willen zum Erfolg eingebüßt hatten und eher dynamisch eingestellt waren. Sie betrachteten das überwiegend konservativ-defensiv eingestellte Partei-Fußvolk mit einiger Verachtung.