Heinrich August Winkler: "Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik"; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1972; 307 S., 34,– DM.

Winklers Arbeit läßt, nach ausführlicher Darstellung, keinen Zweifel mehr, daß sich Nationalsozialisten und Mittelständler in der "rigorosen Ablehnung einer Emanzipation der Arbeiterschaft" trafen, "die zugleich den Abbau bestehender Privilegien hätte bedeuten müssen". Der "Sozialismus" der NSDAP war akzeptabel, sobald die Partei klargestellt hatte, daß sie soziale Konflikte in einer "zwangsverordneten Volksgemeinschaft" aufheben wollte, daß sie also jenem Sozialprotektionismus huldigte, der die Sicherung aller von der technisch-industriellen Entwicklung bedrohten Gruppen versprach und ihr Schutzbedürfnis als legitim anerkannte. Freilich ging der Nationalsozialismus noch einen, ja den entscheidenden Schritt weiter: Er propagierte den Mittelstand als den Normalstand, nach dem sich die Entwicklung zu richten habe.

Zeitgenössische Beobachter haben schon sehr früh erkannt, daß im Nationalsozialismus kleinbürgerliche Existenzen die Schlüsselpositionen beherrschten, neben ihnen Gescheiterte, sozial Defekte, aus der Bahn Geworfene. Daneben zog er, was sich heute besser beurteilen läßt, Personen an, die sich in ihrem sozialen Status bedroht fühlten – also nach damaligen bürgerlichen Anschauungen noch durchaus respektable Figuren, "Vorzeige-Nazis", schließlich aber auch "Überzeugungs-Sympathisanten", die den nationalen Gedanken allen Ernstes bei der NSDAP am besten aufgehoben glaubten, und – last not least – eine Gruppe fachlich kompetenter, wenn auch im Urteil unselbständiger Staatsdiener, denen "ordentliche Verwaltung" fast Selbstzweck geworden war.

Alle diese Eigenarten lassen sich geradezu exemplarisch an der SS nachweisen:

Shlomo Aronson: "Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD"; Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1971; 340 S., 20,– DM.

Eins steht nach diesem Buch endgültig fest: Die Rolle Heydrichs ist bisher weit überschätzt worden. Er war, da Himmler nie die Zügel aus der Hand ließ, stets nur ein Rädchen im Getriebe und immer nur so groß, wie es der "Reichsführer" wünschte. Aronson hat dies sehr schnell erkannt und dann ein vorzügliches Buch geschrieben, das leider den falschen Titel trägt. Thema seiner Untersuchung ist, nach einleitendem Exkurs über Heydrichs Leben und seine berufliche Laufbahn bis zum selbstverschuldeten Scheitern, die Frühgeschichte von SD und Gestapo, die Übernahme der Polizei durch die SS und die Durchdringung des staatlichen Apparates durch die "Parteipolizei", die Ausfüllung einer intakten Staatsappatur mit nationalsozialistischem Gedankengut auf "ordentlichem", in diesem Falle verwaltungstechnisch korrektem Wege.

Aronsons Buch setzt allerdings einen geduldigen Leser voraus, der sich für die Geschichte der in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzenden Verwaltung erwärmen kann. Es war ja gerade die Technik der Nationalsozialisten, nur wenige eigene Leute in die Schaltstellen einzuschleusen, dann aber durch parallele Entscheidungszentren