Eine neue, politisch engagierte Kulturbewegung aus der „Kolonie“ Italiens

Von Toni Kienlechner

Ein paar Bücher, in Italien gerade erschienen, zwingen zur Revision eines hochmütigen Urteils, nämlich daß „engagierte Literatur“ zweiter Güte wenig Beachtung verdiene. In ihnen werden Zusammenhänge aufgedeckt, die den Historikern wie den Politologen entgangen sind. Es handelt sich um Sardinien, für Italien ein Randgebiet, das einmal durch den absurd erscheinenden Versuch des Verlegers Feltrinelli ins Gespräch gekommen war, die rückständige Insel zu einem „europäischen Kuba“ zu revolutionieren.

Aufgeschreckt davon, las ich den neuen Roman „Schattendorf“ des sardischen Schriftstellers Giuseppe Dessì, der soeben mit dem renommierten „Premio Strega“ ausgezeichnet wurde. Das Buch hätte mir leicht entgehen können, denn über Dessì herrscht das Vorurteil, er habe in den vierzig Jahren seiner Schriftstellerei nur ein einziges „literarisch wertvolles“ Buch geschrieben – „San Silvano“ – und sei ansonsten ein Provinzler geblieben.

Auch „Schattendorf“, gewiß, ist provinzlerisch, gilt der Geschichte und der Atmosphäre der Insel Sardinien in den vergangenen hundert Jahren. Doch das Buch wird interessant, wenn man erstens weiß, daß sein Stoff sozusagen eben erst jetzt brennend aktuell zu werden beginnt, und zweitens, daß der alte Dessì nur der Älteste einer ganzen Garde junger Sarden ist, die eben dabei sind, Sardinien zu entdecken und das ihren Landsleuten auf der Insel auch begreiflich zu machen, die versuchen, sich mit den früheren Revolutionären und Aufsässigen der Insel zu identifizieren und ihre Beweggründe als Konsequenz der Geschichte darzustellen.

Hauptfigur in Dessìs „Schattendorf“ – kräftig gemalt wie ein bäuerliches Fresko – ist Angelo Uras, ein arm geborener Mann, der zum Gutsbesitzer wird und sich zäh gegen die absurde Realität Sardiniens wehrt. Er wendet sich gegen das schonungslose Abholzen der Wälder, die verheizt werden in den von fremden Industriellen betriebenen Bergwerken; er kämpft gegen den „Kolonialismus“, mit dem Italien dieser Insel immer begegnet ist. Man erfährt aus diesem Roman, was die Geschichtsbücher verschweigen oder nur flüchtig berühren und was noch heute Besitzverhältnisse und Mentalität bedingt.

Wer hätte, auch in Italien, von der „legge delle chiudende“ gehört, vom „Einzäunungsgesetz“? Was es damit auf sich hat: Die italienische Monarchie hatte zwar 1820 endlich das Feudalrecht auf Sardinien aufgehoben, hatte jedoch gleichzeitig ein Gesetz erlassen, das besagt, daß ein Stück Boden demjenigen gehören soll, der es mit einer Mauer oder einer Hecke umschließt. Natürlich waren nur die wenigen bereits einigermaßen Wohlhabenden imstande, Hecken oder Mauern zu errichten und zu bezahlen. Der gewöhnliche Hirte oder der Tagelöhner konnte es nicht. Überdies wurden die Dörfer durch das Gesetz der „Chiudende“ des Gemeindebesitzes beraubt, der jährlich unter der Bevölkerung zur Bodenbestellung oder als Weidegrund umverteilt worden war. Genau in dem Augenblick, als man die Feudalrechte aufhob, wurde also Privatbesitz auf einer noch grausameren Grundlage geschaffen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.