In einem persönlichen Schreiben an Bundeskanzler Brandt begründete Minister Schiller seinen Rücktritt. In dem Schreiben heißt es unter anderem:

„Ich habe... immer wieder betont, es gibt auch Grenzen der Belastbarkeit für einen Finanzminister. Er kann sich nicht unaufhörlich vertrösten lassen. Ich bin jedenfalls nicht bereit, als Finanzminister bis zum Ende des Jahres schweigen zu müssen über das, was ab 1. Januar 1973 jede Bundesregierung erwartet. Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto: ‚Nach uns die Sintflut.‘ Ich bin auch nicht bereit, dann womöglich noch von einem Amtsnachfolger gleicher oder anderer Couleur in einer neuen Regierung als Hauptschuldner für eine große sogenannte ‚Erblast‘ haftbar gemacht zu werden, wie das Herr Kollege Möller 1970 praktiziert hat...

Die Regierung hat die Pflicht, über den Tellerrand des Wahltermins hinauszublicken und dem Volk rechtzeitig zu sagen, was zu leisten ist und was zu fordern ist. Diese von mir mehrfach empfohlene Strategie ist bisher im Kabinett nicht einmal andiskutiert, geschweige denn akzeptiert worden. Der Widerwille einiger Kollegen gegen derartige Überlegungen hindert die gleichen Kollegen nicht daran, mit Anträgen, die ab 1973 einnahmemindernd oder ausgabenerhöhend wirksam werden, heute aufzuwarten ...

Dieser permanente finanzpolitische Konflikt war bekanntlich die Fortsetzung von früheren konjunkturpolitischen Konflikten, die ich in meiner Eigenschaft als Wirtschaftsminister erlebt habe. Es hat in der Zwischenzeit Perioden gegeben wo ich die Unterstützung des Bundeskanzlers hatte. In den letzten Monaten ist auch das anders geworden. Abstimmungsergebnisse, wie das vom 29. Juli, sprechen für sich. Die Positon: einer gegen alle oder alle gegen einen habe ich bei anderen Gelegenheiten auch ohne formelle Abstimmung erlebt. Ich habe mich nach dem Dcppelamt nicht gedrängt. Es wurde mir in der Stunde der Not aufgebürdet...

Gerade bei einem Bundeskabinett, das zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik von der Sozialdemokratie geführt wird, und zwar bei knappen Mehrheitsverhältnissen, bedurfte es in besonderem Maß des gemeinsamen Handelns, und zwar im Hinblick auf das Ziel: einen überzeugenden Wahlsieg bei der nächsten Bundestagswahl. Das eforderte, daß alle sich in einen gegebenen Rahmen einpassen und auf Kosten des Ganzen gehende Einzelinteressen zurückgestellt würden ... Trotz aller mir nachgesagten Empfindlichkeit habe ich mich immer wieder über persönliche Angriffe aus den eigenen Reihen um der Sache willen hinweggesetzt. Es gibt aber auch für mici Grenzen – diese sind gegeben, wenn ich der auf meinem Amt beruhenden Verantwortung diesem Staat und seinen Bürgern gegenüber nicht mehr gerecht werden kann, weil ich nicht unterstützt bzw. sogar daran gehindert werde.“