Von Marietta Riederer

Ich lebe in der Zukunft, nichts ist spannender als sie vorzubereiten“, sagt der fünfzig Jahre alte Pierre Cardin. „Manche Kleider entwerfe ich für ein Leben, das noch gar nicht existiert.“ Die klassische Pariser Diktatur, Mode für nur eine Jahreszeit zu entwerfen, ärgert ihn schon seit Jahren. Denn im Jet-Zeitalter fliegt man innerhalb weniger Stunden vom Sommer in den Winter. Oder umgekehrt. Man teile doch endlich die Mode in zwei Gruppen: Hier bis 25, dort von 25 aufwärts, streiche die sündteuren Haute-Couture-Modelle auf eine kleine exklusive Anzahl zusammen und zeige Mode für alle Jahreszeiten nur einmal im Jahr. Sprach’s im Jahr 1966, galt als nicht ernst zu nehmender Revolutionär, und tat’s erst 1972.

In den sechziger Jahren galt es für ihn, erst einmal im Kaufhaus Fuß zu fassen. Modelle aus der Haute Couture, mit dem Etikett Cardin konfektioniert, sollten seinen Namen populär machen. Hierfür gewann er die Kaufhausketten „Printemps“ (Paris), „Rinascente“ (Mailand) und in der Bundesrepublik die Hertie-Gruppe. Ein unverständliches Unternehmen für seine Kollegen, die ihn deswegen heftig angriffen.

Pietro Cardini, geboren in Venedig, aufgewachsen in Saint Etienne, begann sein Metier im Alter von siebzehn Jahren. Gedrillt wurde er von einem peniblen Herrenschneider in Vichy. Ihm ist er heute noch dankbar für die Stich-für-Stich-Zeit und die Lösung schwieriger Büstenprobleme nach Maß an Schneiderpuppen. Organisieren und Geschäftstüchtigkeit lernte er als Buchhalter bei der Kriegsgefangenen-Abteilung des Roten Kreuzes während des Krieges. Nachdem Cardin an den Kostümen zu Cocteaus „La Belle et la Bête“ mitgearbeitet hatte, entstand in Paris das Gerücht, Christian Dior suche Zuschneider für ein neues Couture-Haus. Cardin schneiderte ein Ensemble, brachte es in die Avenue Montaigne, wartete ab 8 Uhr, bis Dior um 9 Uhr kam, und wurde sofort engagiert. „Er lehrte mich alles; ‚Cardin‘ allerdings durfte ich nicht machen.“

Man schrieb 1946. In der berühmten „New-York-Kollektion“ vom Februar 1947 waren also die ersten „Cardins“ à la Dior versteckt. Nach drei Jahren verließ er das Haus Dior, übernahm ein Atelier für Kostümausstattungen und versuchte es nebenbei mit einer bescheidenen Kollektion von 25 Modellen. Damit hatte er Erfolg.

1956 bezog Cardin ein kleines Palais, 118, Faubourg Saint Honoré, und eröffnete eigene Salons. Er verblüffte sofort mit ungewöhnlichen Farben, überzeugte durch sichere Proportionen und entwickelte raffinierte Schnitte aus Kreis undDreieck. Als erster Pariser Couturier zeigte Cardin Herrenmoden für den jungen Mann. Seine schlankmachenden Jacken, die über Rollkragenpullovern oder zu farbigen Hemden und damals superschmalen Hosen gezeigt wurden, sowie Anzüge à la Robin Hood und Kosmocorps-Overalls machten Sensation. Das war 1965, als Mondflüge vorbereitet wurden und Kosmonautenanzüge plötzlich die Mode mobilisierten. Inzwischen ist Cardins Herrenmode weltbekannt.

Mit Hilfe seines engsten Mitarbeiters André Olivier als Art-Director und Madame Alphand (deren Mann Botschafter in den USA war und jetzt Generalsekretär am Quai d’Orsay ist) hatte sich Cardin einen verläßlichen Stellvertreter und nützliche Kontakte zur Society geschaffen. Nun konnte er endlich seinen Plan verwirklichen, eine Art ultramodernes „Bauhaus“ mit avantgardistischen Künstlern zu gründen. Die Finanzierung hierzu floß aus 250 Lizenzen, 60 Fabriken und 3100 Geschäften in 47 Ländern mit Cardin-Konfektion für Damen, Herren, Kinder, Babybekleidung und modischen Accessoires.