Richard Wagners „Tannhäuser“, sagt der Regisseur Götz Friedrich, sei für ihn „ein Stück, das von den widersprüchlichen Erfahrungen“ erzählt, die „ein Künstler sammelt, der sich selber finden will in der Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen und personellen Phänomene, denen er ausgesetzt ist“; ein Stück auch, in dem „ständig gefragt wird: Wie kann sich der Künstler, der frei sein will, verhalten, wenn er sich gleichzeitig dessen bewußt ist, daß er nur dann Künstler sein kann, wenn er mit anderen kommuniziert“.

Nicht also das Grundproblem „ein Mann zwischen zwei Frauen“, nicht die Darstellung simplifizierter Gegensatzpaare, „irdische“ und „himmlische“ Liebe, Venus und Elisabeth, Venusberg und Wartburg, sondern: ein brandaktuelles Stück, wenn man, zum Beispiel, an Heinrich Bölls Frage nach der Möglichkeit, in diesem Lande arbeiten zu können, oder, zum Beispiel, an die Forderungen Kurt Hagers auf der jüngsten kulturpolitischen Tagung des ZK der SED denkt.

Aber übernimmt sich die Opernbühne nicht, wenn sie glaubt, sich mit derartig gewichtigen Problemen abgeben zu können?

Mit Hilfe des historischen Opern-Repertoires aktuelle Realitäten in unserer Gesellschaft aufzudecken, ist Ziel des Regisseurs Götz Friedrich, seit er sich an der Komischen Oper Ostberlin aus der Schule Walter Felsensteins freigeschwommen hat.

Dort in der Behrenstraße, wo Felsenstein mit dem „realistischen Musiktheater“ nicht eine Methode, sondern ein Programm, den „Vorsatz einer Humanisierung der Musikbühne“ entwickelte und realisierte, mußte Friedrich – 1930 in Naumburg geboren, Sohn eines Anwalts die am Deutschen Theaterinstitut Weimar erworbenen und mit Diplom bestätigten wissenschaftlichen Fähigkeiten in praktische Arbeit umsetzen lernen, um, einer Felsensteinschen Forderung gemäß, „das Musizieren und Singen auf der Bühne zu einer überzeugenden, wahrhaften und unentbehrlichen Äußerung zu machen“. 1953 Dramaturg, Regieassistent, wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1959 Regisseur, 1968 Oberspielleiter – das sind die Stationen des Aufstiegs im Ostberliner Haus. Die ersten eigenen Inszenierungen: 1958 in Weimar „Così fan tutte“, 1959 an der Komischen Oper „La Bohème“ in eigener Neuübersetzung. Inzwischen: dreißig Opern – und fünf Fernsehfilm-Inszenierungen, Gastregie in Kassel, Bremen, Kopenhagen, Oslo, Amsterdam, Stockholm, Nationalpreis der DDR, Mitglied der Deutschen Akademie der Künste, Professur an der Ostberliner „Hochschule für Musik Hanns Eisler“.

Zwei der wichtigsten Forderungen Felsensteinscher Arbeitsmethode sind auch heute noch für Friedrich maßgebend: Realität und Werktreue, diese verstanden als „strenge Verpflichtung auf den Willen des Autors“, die unter anderem auch einschließt die Erforschung des „inneren“ Ortes und der Zeit der Handlung, der psychischen und physischen Gründe des Handelns, der historischen Zeitumstände, des Lokalkolorits, der Quellen des Librettos, der Motive bei der Textauswahl.

Aber bereits 1965, bei einem Colloquium über zeitgenössische Operninterpretation in Leipzig, machte ein Satz von Götz Friedrich aufmerksam: „Wir, die Schüler, müssen auch die Werke erproben, die Felsenstein aus Zeitgründen oder ästhetischer Überzeugung nicht inszenieren kann oder will.“ Heute will Friedrich, anders als sein Lehrer, sich nicht mit dem zwar „realistischen“, aber doch „musealen“ Musiktheater zufriedengeben. Zwar sucht er immer noch Vorgänge, Begebenheiten, Konstellationen so darzustellen, daß sie „durch die Musik ihre Zufälligkeit oder naturalistische Oberflächlichkeit verlieren“. Aber darüber hinaus hat Friedrich auch das epische und Anti-Illusionstheater Brechts auf seine Bühne holen können, in der Uraufführung von Siegfried Matthus’ „Der letzte Schuß“ an der Komischen Oper etwa, wo er den ganzen Bühnenmechanismus freilegte, die Realität ist die Realitat des Theaters, wo er aber gerade durch diese Mittel, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, dem Zuschauer deutlich die Frage vorlegte, was denn nun stärker sei, die Liebe oder die Revolution – und die Frage offenließ.