Die deutsche Seeschiffahrt fühlt sich von ihrem Verband schlecht vertreten

Der Orkan blieb zwar aus“, meinte ein Hamburger Reeder nach der Mitgliederversammlung seines Verbandes Anfang der Woche, „aber das war mindestens Windstärke neun.“ Im Verband Deutscher Reeder gärte es. Vorläufiger Höhepunkt: Geschäftsführer Werner Schildknecht mußte den Verband „in gegenseitigem Einvernehmen“ verlassen.

Schildknechts Ausscheiden nach immerhin rund zwanzig Jahren Sozial- und Tarifarbeit für die Reeder geht dennoch auf mangelndes Einvernehmen zurück. Mit der Haltung der Geschäftsführung’ in der Tarifpolitik waren die Mitgliedsreeder nämlich seit einiger Zeit nicht mehr einverstanden. Die Kostenflut von allen Seiten ließ die deutschen Schiffseigner ächzen.

Nach Schätzungen des Reederverbandes stiegen beispielsweise allein 1970 die Preise für Schiffsneubauten um 35 bis 50 Prozent, die Reparaturkosten um 25 bis 40 Prozent, die Verpflegungskosten um rund 20 Prozent, die Heuerkosten um durchschnittlich über 20 Prozent, die Bunkerölpreise in Europa um 75 und in Übersee um 50 Prozent, die Lade- und Löschkosten in Europa zwischen 15 und 65 und in Übersee zwischen 20 und 35 Prozent.

Die mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und der Gewerkschaft ÖTV geschlossenen neuen Heuertarife ließen die Personalkosten auf deutschen Frachtern in den letzten zwei Jahren um über 50 Prozent steigen. Für sechzehn Reeder war das der Grund, ihrem Verband als Tarifpartner zum Jahresende 1971 den Rücken zu kehren. Sie hatten Zweifel, ob ihre Interessen richtig vertreten würden.

Die Geschäftsführung zeigte sich nicht einmal in der Lage, ihre günstige Position auszunutzen, als in diesem Frühjahr die beiden Gewerkschaften wegen der Heuerfrage miteinander in Fehde lagen.

Um dem Kostendruck und den unbequemen deutschen Besetzungsvorschriften auszuweichen, lassen immer mehr Reeder ihre Schiffe nicht mehr unter der schwarz-rot-goldenen Flagge fahren. Statt dessen melden sie ihre Frachter und Tanker in kostengünstigen Ländern an – wie Liberia, Panama, Honduras, Ceylon oder Singapur.