Von Marion Gräfin Dönhoff

Washington, im Juli

Als John F. Kennedy 1960 auf dem Parteikonvent in Los Angeles die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten erhielt, bezweifelten viele Amerikaner, daß er die Wahl gewinnen könne: Noch nie hatte es in den Vereinigten Staaten einen katholischen Präsidenten gegeben. Die Katholiken gehörten nach Auffassung der Amerikaner zu einer der vielen Minderheitsgruppen des Landes, die eben aus diesem Grunde nicht erwarten könnten, von einer Majorität gewählt zu werden. Dafür, so meinte man, sorgten schon die großen Bosse des Parteiapparates und die Chefs der Gewerkschaften, die das Heft fest in der Hand hielten und ohne deren Unterstützung bis dahin kein demokratischer Präsident hatte gewählt werden können. Doch die Zeiten haben sich geändert.

In der vorigen Woche ist George McGovern von einer Koalition von Minderheitsgruppen auf den Schild gehoben worden: von College-Studenten, Women’s Liberationists, Negern, pazifistischen kirchlichen Organisationen. Der Druck in der Partei, die Auslese zu demokratisieren, war so stark gewesen, daß das alte Verfahren – Entscheidung von oben, Bestätigung von unten – über den Haufen geworfen wurde. Statt dessen hat man die Delegierten nach einem Repräsentativ-Verfahren ausgesucht: 38 Prozent Frauen, 21 Prozent junge Menschen, 15 Prozent Schwarze ...

Das alte Establishment, Averell Harriman und Robert F. Wagner zum Beispiel, wurde einfach ausgeschlossen. Nur ein Drittel der Gouverneure und weniger als ein Drittel aller Senatoren war in Miami anwesend. Fast 90 Prozent aller Delegierten nahmen zum erstenmal an einem Parteikonvent teil.

Wer dies noch vor vier Jahren vorausgesagt hätte, wäre als ein politischer Traumtänzer diskreditiert worden. Freilich konnte damals auch niemand voraussehen, wie rasch und wie grundsätzlich die Welt – und auch Amerika – sich verändern würde.

Wer während der letzten Jahre regelmäßig in den Vereinigten Staaten war, wer also auch jene Zersetzungserscheinungen der späten sechziger Jahre miterlebt hat, die die Gesellschaft zu zerreißen drohten, der ist überrascht, in diesen Tagen allenthalben ein erstaunliches Maß an Selbstvertrauen wahrzunehmen. Offenbar gelingt es den Amerikanern, bei denen die Unruhe in der Gesellschaft ja drei Jahre früher begann als in Europa, Revolution durch Evolution aufzufangen. Nicht durch taktische Schachzüge, sondern durch Wandel und Reformen. So ist das Einkommen der Negerfamilien gegenüber dem Einkommen der weißen Familien in den letzten Jahren doppelt so rasch gestiegen. So ist dem Drängen nach Partizipation eben bei der Auswahl der Delegierten zum demokratischen Konvent Rechnung getragen worden.