Immer öfter kann man sehen, daß Kinder Zahnklammern tragen, mit denen schief stehende Zähne in Reih und Glied gebracht werden sollen. Dabei geht es keineswegs nur ums bessere Aussehen, sondern vor allem um eine aus medizinischen Gründen notwendige Behebung von Anomalien. Gerade die medizinische Begründung gibt in den meisten Fällen den Ausschlag dafür, daß Eltern für die Zähne ihrer Kinder durchschnittlich zwischen 1500 und 1800 Mark investieren, manchmal erheblich mehr. Und der beschwörende Hinweis, die erforderliche Behandlung durchführen zu lassen, ehe es zu spät ist, kommt natürlicherweise von den Zahnärzten.

Von ihnen aufgeschreckt, eilen die Eltern mit ihrem Kind zum Kieferorthopäden. Der sieht sich die Sache genauer an und überlegt sich einen Weg, wie die Anomalie behoben werden kann. Nicht zuletzt aber stellt er einen Finanzierungsplan auf. Diesen legen die Eltern ihrer Krankenkasse vor, um sich – je nach der Notwendigkeit der Behandlung – zwischen 25 und 70 Prozent der Kosten erstatten zu lassen.

Aber eigentlich sollte das alles schon ganz anders funktionieren. Ging doch im Dezember vergangenen Jahres die Meldung durch die Presse, daß Kieferkorrekturen bei Kindern künftig auf Krankenschein behandelt würden; nach langem Hin und Her war zwischen den Krankenkassen und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung endlich ein entsprechender Vertrag zustande gekommen. Damals atmete mancher Familienvater auf und sah sich schon einen Tausender einsparen. Zwar ergaben Anfragen bei der Krankenkasse, daß es ganz so rosig doch nicht sei, da auf Krankenschein nur solche Fälle behandelt würden, die als Krankheit gelten. Aber konnte das ein Hindernis sein? Hatten nicht Zahnarzt und Kiefernorthopäde auf die Notwendigkeit einer Regulierung hingewiesen? Nur deswegen und ja nicht aus Gründen der Kosmetik hatte der Vater der kostspieligen Behandlung zugestimmt. Also bedurfte es jetzt lediglich einer erneuten Bestätigung seitens des Spezialisten.

Statt dessen kamen viele Enttäuschungen. Als Krankheit, meinten viele Kieferorthopäden plötzlich, werde man gerade diesen Fall gegenüber der Kasse schwerlich vertreten können. – Aber gilt nicht seit einem Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahre 1967, daß Krankheit schon dann vorliegt (und auf Krankenschein behandelt werden muß), wenn ein regelwidriger oder anomaler Zustand behoben wird zur Heilung, Verbesserung, Vorbeugung oder Beseitigung von Schmerzen? – Gewiß, das gilt; nur müsse man, um es durchzusetzen, gegen die Kasse klagen. – Ach, dächte mancher Vater, diese Krankenkassen!

Diese Krankenkassen aber – genauer: die Bundesverbände der Ortskrankenkassen, der Betriebskrankenkassen, der Innungskrankenkassen, der Landeskrankenkassen, die Verbände der Angestelltenkrankenkassen und der Arbeiter-Ersatzkassen – haben in der vergangenen Woche eine gemeinsame Presseerklärung herausgegeben, in der es heißt: „Die kieferorthopädische Behandlung der Kinder von Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ist gefährdet, weil die Kieferorthopäden es ablehnen, Behandlungen von Kieferfehlstellungen im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung vorzunehmen. Sie sind nur zu Behandlungen auf Grund von Privatverträgen bereit.“

Daher also weht der Gegenwind! Nicht von den Krankenkassen kommt er, sondern von den etwa 600 Kieferorthopäden, von denen die meisten nicht Kassenzahnärzte sind und deswegen Verträge mit den Krankenkassen ablehnen können. Sie wollen sich das Geschäft mit den schiefen Zähnen nicht verderben lassen. Die Kassen würden sie nicht so gut honorieren wie die Privatpatienten. Deswegen ihre Weigerung!

Das mag ihr gutes Recht sein, wenngleich keine gute Moral. Ihre Weigerung jedoch – so sagen die Krankenkassen – „macht es den kassenärztlichen Vereinigungen kaum noch möglich, ihren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung auch die kieferorthopädische Behandlung sicherzustellen“. Die Kassen haben jetzt das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung um Eingreifen gebeten. Ein Sprecher des Ministeriums nannte das Verhalten der Kieferspezialisten „höchst zweifelhaft“ und „unsozial“. Gerhard Prause