Von Rudolf Herlt

London, im Juli

Die Spekulanten hatten, nach einer kurzen Denkpause schnell herausgefunden, daß die Londoner Währungskonferenz auch kein Kraut gegen die Flucht aus dem Dollar in die Mark und in den Schweizer Franken anzubieten hatte. Neue Spekulationswellen brachten die Devisenmärkte abermals in Aufruhr. Die Regie in London, die eine beruhigende Presseerklärung an das Ende des ersten Konferenztages vorverlegt hatte, wollte wenigstens für die Ferienwochen Ruhe an der Währungsfront garantieren. Es gelang ihr nicht.

Regisseur Anthony Barber, Schatzkanzler der Regierung ihrer Majestät und Gastgeber im Londoner Lancaster House, verabreichte zwei Beruhigungspillen. Die eine war der erneute Schwur der alten und künftigen EWG-Mitglieder, sie würden – mit Ausnahme Englands, das den Wechselkurs für das Pfund zur Zeit frei schwanken läßt, also floatet – mit allen Mitteln die festen Kurse verteidigen, auf die sich die zehn wichtigsten Industrieländer im Dezember 1971 in Washington geeinigt hatten.

Von der zweiten Pille versprach man sich eher eine Langzeitwirkung. Schande über jeden, so tönte es dem Sinne nach aus allen Ecken der Konferenz, der da geglaubt haben sollte, die Minister und ihre Notenbankgouverneure würden sich über die gegenwärtigen, auf den Nägeln brennenden Schwierigkeiten unterhalten. Wie recht die Akteure doch hatten, denn es gibt kein Mittel, mit dem Europa die Devisenmärkte zur Räson bringen könnte. Devisenkontrollen nützen nichts, wie das Beispiel der Schweiz geradezu klassisch gezeigt hat; dort sind, obwohl die Schotten gegenüber dem Ausland dicht gemacht wurden, Gelder doch in großer Menge ins Land geströmt.

In dieser Lage wählten die Minister die Igelmethode. Sie stellten sich gegenüber den Bedrängnissen auf den Devisenmärkten hier und heute einfach tot. Das Haus hatte einen Dachstuhlbrand, der aus einigen Kurzschlüssen entstanden war. Doch die Runde setzte sich ungerührt in der unteren Etage an den Konferenztisch und diskutierte darüber, welche Sicherungen man wohl in einem neuen Haus dieser Art einbauen müsse, um Dachstuhlbrände künftig auszuschließen.

Sie hat auch Argumente für ihr Verhalten. Die Sitzung war schließlich vor Monaten geplant worden, Barber konnte zum erstenmal als Minister eines beitretenden Landes präsidieren. Die Tagesordnung sah von Anfang an vor, über die langfristige Reform des Währungssystems zu reden. Dabei blieb man. Man fragte sich, wie eine heile Währungswelt wohl aussehen müßte. Die Runde konnte sich dabei glücklicherweise auf ein Papier stützen, das der Brüsseler Ministerrat schon vor Monaten produziert hatte. Das Ergebnis war eine später hochgepriesene Einigung. Sie betraf einige Grundsätze, die die moralische Qualität des Postulats „du sollst nicht töten“ haben. In der fernen, heilen Währungswelt sollen nach dem Willen von zehn europäischen Regierungen acht Gebote für alle Regierungen verbindlich sein.