Es gibt noch Richter in Europa. So mag man auch bei den zuständigen Stellen in Brüssel gedacht haben, als der Europäische Gerichtshof nach einem jahrelangen Rechtsstreit die Bußgeldbescheide der Kommission gegen mehrere der namhaftesten europäischen Chemiekonzerne bestätigte. Die Preisabsprachen dieser Unternehmen bei Teerfarben bekamen dadurch von höchster Instanz das Prädikat, das sie verdienen: illegal.

Sowohl von Seiten der Unions-Politiker als auch aus Kreisen der Wirtschaft wollen in den letzten Wochen die Klagen nicht verstummen, die Marktwirtschaft sei nach Schillers Rücktritt in Gefahr. Doch ob unsere Wirtschaftsordnung durch SPD-Minister oder die Theorien einer Handvoll Linksradikaler stärker bedroht wird als durch die groben Verstöße großer Konzerne gegen die Gesetze der Marktwirtschaft, ist eine durchaus offene Frage.

Die Unternehmen, die sich bewußt solcher Praktiken wie Preis- und Investitionsabsprachen bedienen, liefern den Gegnern der marktwirtschaftlichen Ordnung die Munition, die sie für ihre Angriffe brauchen. Wenn Bosse auf Verbandstagungen die zur Zeit so beliebten Grabreden auf die Marktwirtschaft halten, sollten sie deshalb nicht nur Abwesende anklagen, sondern auch den einen oder anderen unter ihren Zuhörern fest ansehen. mj