Von Edith Zundel

Nochvor wenigen Jahren urteilten bekannte Soziologen: Die modernen Studenten „bilden kaum mehr ein Element produktiver Unruhe“ (Friedeburg), sie „sind in Gefahr, mit zwanzig vorsichtige alte Männer zu werden“ (Musgrove). Und auch Schelsky beschrieb eine „skeptische Generation“, die an radikalen politischen und sozialen Bewegungen nicht interessiert war. „Allerdings bin ich überzeugt“, meinte damals Schelsky, „daß die Phantasie der jugendlichen Ausbruchsversuche aus der Welt in Watte, die man ihr zumutet, aller praktischen Weisheit der Pädagogen, Politiker, Psychologen und Soziologen der Anpassung überlegen sein wird“ – und damit hat er recht behalten. Auf die angepaßte folgte die radikale Generation, die unsere Gesellschaft und ihre Institutionen mit einigem Eklat in Frage stellt. Sie erinnert uns nachdrücklich an die Wechselwirkung zwischen Erwachsenwerden und Gemeinwesen, in das ein Jugendlicher hineinwachsen soll, oder, wissenschaftlich ausgedrückt, an die Wechselwirkung zwischen Sozialisierung und Sozietät.

Über dieses Thema haben die politischen Philosophen von Plato bis Marcuse nachgedacht; seit einigen Jahren beschäftigt sich auch die empirische Forschung damit. In den USA entwickelte sich Anfang der sechziger Jahre ein Spezialgebiet der Politikwissenschaft, das inzwischen eine ganz ungewöhnliche Wachstumsrate vorweisen kann: die politische Sozialisierung. In der Bundesrepublik steckt diese Wissenschaft noch in den Kinderschuhen.

Eine der ersten Untersuchungen stammt aus dem Frühjahr 1968 (Autor: Kaase). Sie brachte ein sehr deutliches Ergebnis: „Die“ Jugend gibt es gar nicht. Die Trennungslinie verläuft vielmehr zwischen Oberschülern und Studenten, also der akademischen Jugend auf der einen Seite und der nichtakademischen, zum großen Teil bereits berufstätigen Jugend plus der Gesellschaft der Erwachsenen auf der anderen. Die Jungakademiker weisen einen deutlichen Linksdrall auf, die anderen Jugendlichen unterscheiden sich in ihrer politischen Orientierung kaum von den Erwachsenen. Der Bildungsgrad und die Eingliederung in Beruf und Familie spielen offensichtlich eine größere Rolle als das Alter. Jaide fand in einer 1970 abgeschlossenen Untersuchung ähnliche Ergebnisse. Er machte überdies eine aufsehenerregende und vieldiskutierte Entdeckung: es gibt faschistoide Züge bei weniger gebildeten Jugendlichen. Das Fazit dieser Untersuchungen: links zu sein ist studentisches Privileg, Merkmal studentischer Subkultur. Bis jetzt änderten daran auch mit Sorgfalt gehegte linke Repräsentationslehrlinge und -jungarbeiter nicht viel. Damit erklärt sich auch, daß die Herabsetzung des Wahlalters in verschiedenen Ländern der Bundesrepublik keine wesentlichen Verschiebungen der Wahlergebnisse brachte.

Nicht für harte Disziplin

Daß die „Ordinarienherrschaft“ an den Universitäten Ursache dieser Subkultur sei, läßt sich, nicht nachweisen. Die Studenten nehmen die Hochschulsituation eher als ein besonders deutliches Paradigma gesellschaftlicher Probleme, die sich in unserer Demokratie insbesondere „aus dem Widerspruch zwischen Sein und Schein“ ergeben (Scheuch). Auch die Außenseiterrolle der Studenten, ihre besonderen Freiheiten von der Zeiteinteilung über die Haartracht bis hin zu den Abenteuern des ungebundenen Denkens, erklärt einiges. Es ist eine „totale Rolle“ (Allerbeck), die alle Lebensbereiche umfaßt. Man kann in dieser Rolle den Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft kultivieren, Mitläufer gewinnen und auch Macht ausüben. Außenseiter und Führer haben viel Verwandtes. Kaase freilich findet die studentische Jugend nicht nur progressiver, sondern auch toleranter, informierter und zum Mitmachen bereiter als alle anderen. 83 Prozent lehnten 1968 Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung ab, in der Gesamtbevölkerung waren es nur 73 Prozent.

Die neueste bundesdeutsche Untersuchung von Ende 1971 stammt aus dem Infas-Institut in Bad Godesberg. Erwachsene und Jugendliche wurden gleichzeitig befragt und die Ergebnisse verglichen. Sie erweisen sich als recht unterschiedlich: 14 Prozent der Jugendlichen (41 Prozent der Erwachsenen) befürworten die Prügelstrafe, 17 Prozent der Jugendlichen (60 Prozent der Erwachsenen) finden, daß die Jugend vor allem harte Disziplin und strenge Führung brauche, 90 Prozent der Jugendlichen (71 Prozent der Erwachsenen) möchten, daß ein Lehrer eigene Fehler vor der Klasse offen zugibt. Es scheint nicht ohne Bedeutung, ob man Subjekt oder Objekt erzieherischer Bemühungen ist. Die Unterschiede aus Elternhaus oder Klassenzimmer übertragen sich aber auch auf politische Vorstellungen: Etwa die Hälfte der Erwachsenen und nur ein Drittel der Jugendlichen meinen, daß der Befehl einiger weniger Ordnung im Staat garantiere; zwei Drittel der Erwachsenen und nur 46 Prozent der Jugendlichen würden eine einheitliche Linie der Parteien begrüßen.