Die Höflichkeit, deren Frankreichs Staatspräsident sich befleißigte, als er beim vorigen Freundschaftsbesuch in Bonn dem bundesdeutschen Kanzler im Vertrauen mitteilte, daß er seinen Premierminister entlassen werde, ist im nachhinein sehr beachtet worden. Im nachhinein! Denn im Augenblick der Mitteilung war ja alles noch geheim.

Chaban-Delmas war charmant wie immer; er lächelte noch nicht das wehmütige Entlassungslächeln. (Doch wie’s darinnen aussah, ging niemand was an.) Mag Georges Pompidou vielleicht nicht aussehen, als ob er schweigen könne – aber er kann es. Und die Ausnahme, die er höflicherweise gegenüber Willy Brandt machte, bestätigte nur die Regel. Und was die französischen Minister angeht: Ob sie mit auf der Rheintour waren oder in Paris hatten bleiben müssen – sie hielten dicht, falls sie informiert waren, oder sagten nichts, weil sie keine Ahnung hatten. Aber die Deutschen, du meine Güte! Schweigen ist vielleicht französisches, es ist kein deutsches Gold.

Wir Deutschen stehen unter den Völkern dieser Erde offenbar im ersten Range der Klatschmäuler da. Das satirische Wochenblatt Le Canard enchaîné, Paris, behauptete sogar am 12. Juli: „Naturellement Brandt avait cause.“ Wenn es wahr sein sollte, daß Willy Brandt geplaudert hätte – warum mußte es gleich heißen, daß er „naturellement“ plauderte: natürlich, selbstverständlich? Jedenfalls hat einer es dem anderen in Bonn weitergesagt. Und dann war es nun. Überall rum, wohin die deutsche Zunge reicht. Beweis?

Am Tage, bevor Chaban-Delmas entlassen wurde, begann in Paris der leichtathletische Wettkampf zwischen Frankreich und der Deutschen Demokratischen Republik, bei dem die DDR siegte. Und hier erzählte ein DDR-Journalist dem Sportreporter. Roger Rigot vom Journal du Dimanche: „Wissen Sie schon, daß Ihr Premierminister morgen demissioniert?“

Woher er denn das habe, fragte Rigot.

„Das erzählt man sich in Bonn“, erwiderte der Ostdeutsche.

Darauf beeilte sich Rigot, dies seinen französischen Kollegen mitzuteilen. Doch diese glaubten es so wenig, daß sie nur lachten. Es war ein Lachen, das ihnen am anderen Tag verging.