Vielleicht hat John Neumeier zuerst Baudelaire gelesen: „Tannhäuser bedeutet den Kampf zweier Prinzipien, die sich das menschliche Herz als Kampfplatz erwählten – Kampf zwischen Fleisch und Geist, Hölle und Himmel, Satan und Gott.“ Denn in seinem bis in die Ouvertüre vorgeschobenen Bacchanale soll, so Neumeier, vor Tannhäusers geistigem Auge eine „Phantasmagorie erotischer Perversionen“, von kindlichen Spielen bis zu sado-masochistischen Ausschweifungen, abrollen.

Ganz anders nämlich als die übrigen Choreographen der jungen Generation besinnt sich John Neumeier gern auf Vorbilder, schaut rückwärts und sichert sich literarisch ab. Um das abendfüllende Ballett „Romeo und Julia“ von Sergej Prokofieff etwa zu modernisieren, um Julia also nicht wie üblich als manierierte oder mumifizierte Ballerina auftreten zu lassen, erfand Neumeier nach intensiver Shakespeare-Lektüre realistische Bilder: Seine Julia planscht gleich im Auftritts-Solo barfüßig aus einem Waschzuber.

Aber John Neumeier ist kein Rebell, er bricht nicht mit den Traditionen, ist, soweit man im jungen Ballett sehen kann, der einzige, der noch auf gewohnte Weise eine Karriere im Opernballett machte und dort noch Chancen sieht.

Neumeier wurde 1942 in Milwaukee geboren, lernte erst einmal Step- und akrobatischen Tanz, erhielt dann eine seriöse Ballettausbildung. Nach Studien in Chicago und einem ersten Engagement ging er 1962 zur Royal Ballet School nach London, von wo ihn Marcia Haydee und Ray Barra im Jahr darauf zu John Cranko nach Stuttgart holten. Neumeier tanzte dort mittlere Solorollen, begann mit der Choreographie und ging 1969 als Ballettdirektor nach Frankfurt. 1973 wird er nach Hamburg an August Everdings Staatsoper wechseln (wo seinetwegen bereits jetzt 16 Tänzer vors Arbeitsgericht gehen wollen, weil ihnen, auf Veranlassung Neumeiers, zu Ende der kommenden Saison gekündigt wurde). Diese Laufbahn als autoritär arbeitender „aufgeklärter“ Ballettchef ist, beinahe anachronistisch, den Arbeitsmöglichkeiten eines Opernbetriebs angepaßt. Zur gleichen Zeit drängen andere Choreographen, beim Kölner Tanzforum etwa, auf neue, demokratischere Arbeitsweisen.

Während die anderen jungen Choreographen auch fürs klassische Ballett keinen Sinn mehr, für die abendfüllenden Märchen höchstens noch Hohn und Spott übrig haben, können für John Neumeier diese traditionellen Werke gar nicht problematisch genug sein. Er möbelt sie auf, findet immer wieder einen neuen dramaturgischen Kniff, um einer eigentlich verschlissenen Geschichte doch neue Seiten abzugewinnen, selbst wenn solche „Reformen“ oft nicht mehr als Schminkarbeit an einer schönen Leiche sind. Neumeiers Daphnis beispielsweise stellte keinen goldigen Hirtenknaben mehr dar, sondern einen verklemmten jungen Mann um das Jahr 1910, der das Land der Griechen mit dem Baedecker sucht und sich dann, angesichts der muskelbepackten Matrosen und ebenso gebauten Statuen, wie der omnipotente Gott Pan in ein Traumparadies versetzt fühlt.

Neumeier hat so etwas wie ein ästhetisches Programm. Er strebt, ob nun bei den Ballett-Klassikern oder in abendfüllenden Collagen, eine „optische Dramaturgie“ an, will, daß sich die Ballette „aus ihrer Bewegung mitteilen“ und nicht unbedingt auf literarische Eselsbrücken angewiesen sind oder nur eine Story mit Bewegung illustrieren. Einschlägige Erfahrungen in der Choreographie von Opernballetten hat Neumeier durchaus sammeln können; er hat sich da in eine ziemliche Bandbreite zwischen Glucks „Orpheus und Eurydike“ und Franz Lehárs „Lustige Witwe“ gearbeitet. Hinweise auf sein Bayreuther Debüt könnte sein in eine ähnliche Richtung angelegter „Tanz um das Goldene Kalb“ aus der Frankfurter Inszenierung von Schönbergs „Moses und Aron“ geben – wobei zu hoffen ist, daß nicht auch im phantasmagorischen „Venusberg“ der kollektive Rausch zu harmlosen gymnastischen Gruppen-Arrangements gedämpft wird. Jens Wendland