ZDF, Mittwoch, 12. Juli: „Max Hoelz“, von Michael Mansfeld

Zunächst verschlug es einem wirklich die Sprache. Durch nichts weniger als durch Aktualität und brisante Themen machten bisher die Dokumentarspiele des ZDF von sich reden. Doch nun rollte hier ein Spiel ab, das einen zwangsläufig und fast Szene für Szene auf die Jagd nach Parallelen zu allerjüngsten Ereignissen schickte, und das entsprach sogar den Intentionen des ZDF: Die Geschichte des Anarchisten Max Hoelz, der 1921 im Gebiet von Mansfeld–Eisleben mit seiner „Roten Armee“ einen kleinen Bürgerkrieg entfachte, war der Fall Baader-Meinhof, versetzt in die politischen und sozialen Wirren der Weimarer Republik.

Und war es, wen wundert’s, auch wieder gar nicht. Natürlich konnte man Entsprechungen zur Gegenwart finden, in den Politclownerien vor Gericht, in der unbehaglichen Stellung von KP und SPD zu dem Aufstand, in der Haltung der Presse, der Intellektuellen, der Arbeiter, der Polizei, in den Banküberfällen und in den gewaltsamen Ausschreitungen auf beiden Seiten.

Aber „ein deutsches Lehrstück“, wie der Untertitel vorgab, wurde die Sache damit doch nicht. Zu großzügig – und dadurch eher verwirrend – wurde mit der Historie umgesprungen, zu vordergründig zumal der Dialog auf Aktualität getrimmt; vieles wirkte völlig unambitioniert heruntergenudelt, und die dramaturgischen Gelenke quietschten wie eine rostige Kellertür. (Eines dramatischen Proseminars würdig war zum Beispiel der „Kniff“, Zeitkolorit durch einen anonymen Reporter einzuholen, der bedeutende oder ins Spiel verwickelte Personen befragte.)

Den Richtlinien für Politik im Fernsehen entsprechend – und dadurch in diesem Fall tatsächlich mehr als durch eine klare Stellungnahme zur Reflexion über Vergangenes und Gegenwärtiges animierend –, war alles schön ausgewogen, jeder hatte recht und unrecht zugleich. Hoelz etwa wurde nicht nur als ruhmbesessener Egozentriker und blindwütiger Aktionist gezeigt, sondern bekam zeitweilig die Aura eines gütigen Robin Hood, der das Geld der Reichen unter die Armen verteilte, oder er hatte den fanatischen Blick eines Demagogen, in dem schon einer grüßen ließ, der nach ihm kam und mehr Erfolg hatte und nicht nur einen kleinen Aufstand in Mitteldeutschland, sondern einen Weltkrieg auslöste; am Ende stilisierte sich Hoelz sogar zum Sozialrevolutionär und linken Märtyrer empor.

Gegen diese „Idealisierung und Heroisierung“ sowie die „unzulässige Abwertung und Dämonisierung der politischen und sozialen Gegenspieler des Hoelz“ haben zwei Tage vor der Sendung Margarete Buber-Neumann und Paul Rütti-Morand mit einer Broschüre („Dokumentation einer Manipulation“; R + S Verlag, Bonn) protestiert. Sie waren ursprünglich als Autoren vorgesehen und hatten bereits 1969 ein Drehbuch für zweimal neunzig Minuten vorgelegt. Nach einer Odyssee durch die Mühlen der ZDF-Dramaturgie mußten sie ihr Projekt an Michael Mansfeld abtreten, der mehr Routine und persönliche Ambitionen zu bieten hatte: Sein Vater war der Grubendirektor Klingenberg des Spiels.

Die zwei abgeschmetterten Autoren werfen Mansfeld in ihrer recht diffusen Polemik vor, sie hätten „die Bedrohung des demokratischen Staates durch den politischen Extremismus“ demonstrieren wollen, die neue Version plädiere dagegen „revolutionären Außenseitern“; die Tendenz entspreche der Berichterstattung etwa des „Spiegel“ über „die Polizeiaktion gegen die Baader-Meinhof-Bande...“

Das ZDF ist nun in der ungewohnten Situation, sich gegen den Vorwurf „Sympathien für linksextreme Verhaltensweisen“ verteidigen zu müssen. Nur der neue Dokumentarspielchef Jürgen Neven-DuMont hat vorgebaut: Er will mit dem Hoelz-Krach nichts zu tun haben, ihm reicht der Fall Lebach. Wolf Donner