Das Memorandum wurde am 5. März 1971 an den Generalsekretär des ZK der KPdSU gesandt. Es blieb ohne Antwort. Ich halte mich nicht für berechtigt, seine Veröffentlichung weiter aufzuschieben. Das „Nachwort“ wurde im Juni 1972 geschrieben. Es enthält einige Ergänzungen und ersetzt teilweise die im Text der Auszeichnungen erwähnte Anlage „Über die Verfolgungen aus politischen Motiven“.

Ich begann meine öffentliche Arbeit etwa vor zehn bis zwölf Jahren, nachdem ich mir des verbrecherischen Charakters eines möglichen Nuklearkrieges und der Erprobung von Nuklearwaffen in der Atmosphäre bewußt geworden war. Seither habe ich viele meiner Ansichten revidiert, besonders seit 1968 (für mich persönlich bedeutete der Beginn dieses Jahres die Arbeit an den „Gedanken über den Fortschritt“, und das Ende, wie für alle, das Rasseln der Panzer in den Straßen des unbezwungenen Prag).

Doch die Grundlage meiner Ansichten ist die alte geblieben.

Ich kann, wie zuvor, nicht umhin, die großen wohltätigen Veränderungen zu würdigen (die sozialen, die kulturellen, die wirtschaftlichen), die unser Land in den vergangenen 50 Jahren erfahren hat, wobei ich mir jedoch bewußt bin, daß es analoge Veränderungen in vielen Ländern gegeben hat und daß sie Erscheinungen des weltweiten Fortschritts sind.

Ich bin, wie zuvor, der Ansicht, daß die Überwindung der tragischen Widersprüche und Gefahren unserer Epoche nur auf dem Wege der Annäherung möglich ist, dadurch, daß das kapitalistische und das sozialistische System, einander näherkommend, abgewandelt werden. In den kapitalistischen Ländern müßte dieser Prozeß einer weiteren Verstärkung der Elemente des sozialen Schutzes der Rechte der Werktätigen, einer Abnahme des Militarismus und seines Einflusses auf das politische Leben begleitet werden. In den sozialistischen Ländern ist ein Rückgang der Militarisierung der Wirtschaft und der messianischen Ideologie ebenso notwendig; lebensnotwendig ist ein Rückgang der extremsten Erscheinungen des Zentralismus und des parteistaatlichen bürokratischen Monopols sowohl auf dem wirtschaftlichen Gebiet der Produktion und des Konsums wie auf dem Gebiet der Ideologie und der Kultur.

Ich messe, wie zuvor, der Demokratisierung der Gesellschaft, der Entwicklung der Transpa renz, der Gesetzlichkeit und der Wahrung der Grundrechte des Menschen entscheidende Bedeutung bei.

Ich hoffe, wie zuvor, auf eine Evolution der Gesellschaft in dieser Richtung unter dem Einfluß des technisch-wirtschaftlichen Fortschritts, obwohl meine Prognosen zurückhaltender geworden sind.