ZDF, Sonntag, 16. Juli: „Franz Schubert – Wahrheit und Legende“, von Jörn Thiel

Auf „diesem fünfeinhalboktavigen Tafelklavier“, gestand der Kommentator zu einem Bild eines dilettierenden Jungpianisten-Duos, sei der „große Schatz“ vierhändiger Klaviermusik, den Schubert „den aristokratischen und bürgerlichen Musikfreunden schenkte“, „allerdings nur unvollkommen darstellbar“. Warum, so möchte man fragen, warum dann in aller Welt dies Geklimpere, zumal noch der Toningenieur eine so verkorkste Aufnahme ablieferte. Aber die Frage wäre falsch gestellt, sie ist irrelevant, denn Jörn Thiels Arbeit ist jenseits solcher Naivität.

Was tut für gewöhnlich jemand, der ein Porträt eines Mannes zu zeichnen hat, der leider zu einer Zeit lebte, als die photographische oder gar elektronische Aufzeichnung einer beweglichen Realität noch nicht erfunden war? Wenn er es überhaupt versucht, bastelt er sich einen Text und flimmert dann alles Verfügbare ab, Grabsteine und Hausinschriften, Titelblätter und Manuskripte, Porträts des Großen und allen nur irgendwie motivierbaren Anhangs, Bildnisse des Gönners und der heimlichen Geliebten. Das ergibt zwar keinen Film, aber das Fernsehen sendet es trotzdem.

Nicht so Jörn Thiel, oder genauer: auch so aber noch mehr. Denn Jörn Thiel arbeitet „dialektisch“. Wenn zum Beispiel von der Arbeitszeit Schuberts die Rede ist – „regelmäßig“, „wie Goethe“; „mit klassischem Regelmaß absolvierte er sein enormes Erdenpensum“ – zeigt Jörn Thiel eine Uhr, schlicht ein Zifferblatt und ein Pendel. Wenn revolutionäre Neuigkeiten über Schuberts Nationalität verkündet werden – „In Wien geboren und gestorben, ist Schubert Schlesier“ – bildet Jörn Thiel das verschneite Riesengebirge ab. Wenn Schuberts wirtschaftliche Situation – „dürfte es ihm doch nie ernsthaft an Geld gefehlt haben“ – beschrieben und aus der Gesamtsumme der Einkünfte ein monatliches Durchschnittseinkommen von 62 Gulden errechnet wird, läßt Jörn Thiel uns eine jugendstilverzierte Ladenkasse mit Handkurbel sehen.

Und Jörn Thiel ist ein moderner Dokumentarist. Wann immer es paßt (oder auch nicht paßt), schneidet er Standphotos von den Dreharbeiten ein: Das Team besichtigt den Drehort, spricht mit den Darstellern, der Assistent mißt die Blende, und irgendwo ist immer ein Mann mit Bärtchen und linksintellektueller Nickelbrille zu sehen. Wer der Mann wohl sein mag ...

Und Jörn Thiel zeigt die heute so gefragte „gesellschaftliche Relevanz“ auf: Er interviewt einen Schubert-Nachmieter (mit Namen Kafka), der „an bestimmten Tagen“ vor dem „Hausaltar mit dem kleinen Schubertkopf“ Blumen aufstellt, zeigt Bierkrüge mit Schubert-Bildern und Papierservietten oder fragt Kontoristinnen eines Betriebes, der in den Räumen jenes ehemaligen Cafés residiert, in dem Schubert einmal konspirativ verkehrte: „Was täten Sie, wenn Franz Schubert hier jetzt vor Ihnen stünde?“

Oder er weist die Diskrepanz zwischen Interpretation und Rezeption von Musik auf: Wenn Kurt Equiluz den „Wegweiser“ vorträgt, stehen die Mönche von St. Florian im Kreis um die Interpreten, und wenn auf einem Bretterpodium vor dem ehemaligen Esterhazy-Schloß ein Pianist eine Schubert-Sonate „aus der Periode seiner tiefen seelischen Depressionen“ anspielt, stürmen die Kinder eines.sozialistischen Kindergartens in den Hof.