Die Sommerakademie bezeichnet sich als international, benutzt einen Begriff, der sonst oft peinlich großsprecherisch klingt. Hier jedoch ist er schon durch die Herkunftsländer der Teilnehmer gerechtfertigt, 550 Tänzer, Choreographen und Tanzpädagogen waren aus 25 Ländern gekommen, um sich teils von den verschiedensten Dozenten einen modifizierten oder neuen tänzerischen Stil antrainieren, teils den alten Stil bestätigen zu lassen.

Doch hat die Internationalität in Köln noch einen ganz anderen und besseren Sinn. Der Tanz, anders als etwa die Literatur, ähnlich wie die Musik und nicht selten ihr anschmiegsamer Weggefährte, überspringt leichtfüßig (beim Ballett könnte man sagen: mit „Ballon“) Gräben, die zwischen den Völkern verlaufen. Er besitzt kommunizierende Kräfte, deren Bedeutung um so höher anzusetzen ist, je mehr man gewillt ist, muffigen Nationalismus aufzugeben zugunsten einer zeitgemäß hinausgreifenden, supranationalen oder kosmopolitischen Orientierung.

Allerdings setzt Terpsichore selber hier und da Hindernisse oder Schein-Hindernisse, zum Beispiel mit einer Kategorie, die sich just „Nationaltänze“ nennt und die auf dem Akademieprogramm als „Folkloretänze“ bezeichnet wurde. Ist die Kategorie wirklich ein Hindernis bei der Verständigung zwischen Völkern und Kontinenten? Das suggestiv-offene Temperament eines ungarischen Mädchenreigens etwa (Klasse Agnes Roboz, Budapest) oder die rhythmisch straff disziplinierte Glut spanischer Kastagnettentänze (Klasse des bei uns rühmlich bekannten José Udaeta, Barcelona, und Ursula Knaflewskys, Köln) sind im Grunde keine Exportware. Aber gewisse Imitationen sind bekanntlich möglich, und schon die Lust am Nachahmen ist ein supranationales und völkerverbindendes Element.

Entschiedene Grenzen der Kommunikation setzt Asien. Die in Köln umschwärmte, nur 150 Zentimeter große Inderin Madhavi Mudgal, in Neu Delhi, wie man hört, ein Fernsehstar, bei uns bis gestern noch unbekannt, zelebrierte einen Odissi genannten Tanz, der auf Europäer ungemein attraktiv wirkt, aber irreführend ist. Gesten und Bewegungen des Tänzers sind in Indien mit Begriffen gekoppelt, sie bedeuten etwas, zum Beispiel Wolke oder Eifersucht. Die Zeichensprache will entziffert werden, das können wir nicht. Wir genießen bloß den Reiz der Oberfläche, ein ästhetisches Korrelat, das sich zum Inhalt der Tänze oft verhält wie die Ästhetik einer Schönschrift zum Inhalt geschriebener Wörter. Aber auch hier: Selbst das Folkloristische, ja Fremdartige (wie die seitlichen Ruckbewegungen des Kopfes und Halses) können, ähnlich wie Spaniens unerreichbar-faszinierende Glut, den Brückenschlag der Begeisterung hervorrufen und so wenigstens zu einem intuitiven Kosmopolitismus führen.

Die westliche Welt, ein Ungefähr-Europa und die USA also, boten ein ganz anderes Tableau. Legt man das Kölner Akademie-Resümee zugrunde, so befindet sich das klassische Ballett nur noch in der Arrieregarde. Eine Traditionsbeflissenheit, wie sie zwei irrtümlich gemeldete Russinnen, wären sie existent und kämen sie überdies vom Moskauer Boljschoj teatr, vermutlich mit vollendetem, lupenreinem Ballett geboten hätten, war nicht zu entdecken, allenfalls Mischformen mit Ballett-Elementen. Die Jazz-Tänze (Choreographie Lynn Simonson, New York) und der sogenannte Moderne Tanz (Klasse Norman Walker, gleichfalls New York) bezeichnen, im Vergleich etwa zu der relativen Traditionsgebundenheit eines Georges Balanchine (der bedauerlicherweise nicht nach Köln kam), eine Umwertung der Werte. Zum Beispiel die vielfach integrierte, auch bei uns übernommene Graham-Technik mißachtet, intensive Körperkontakte mit dem Boden einbeziehend, so sehr Grundelemente des Balletts wie zum Beispiel Haltung, Illusion der Schwerelosigkeit, Attitüde und Arabeske (oder gar den „Leichtepunkt“), daß man von zwei Welten zu sprechen hat.

Schon einmal in diesem Jahrhundert, ganz zu Anfang, kamen ja aus Amerika Anregungen, die zur Revolution gegen das Ballett führten: Isadora Duncan, die eine lange Zukunft zu pachten geglaubt hatte, übertölpelte oder überzeugte die strengen Traditionalisten des Systems der fünf Positionen kraft ihrer gebieterischen Vernarrtheit in die „Natürlichkeit“. Der Ausdruckstanz (German dance), Rudolf v. Laban, Mary Wigman waren von ihr inspiriert. Die Impulse der heutigen New Yorker Schulen, die an Isadora Duncan kaum anknüpften, zeigen eine verwandte Mißachtung der Tradition. Es ist darin etwas von der Anarchie und Monomanie der ersten Goldgräber lebendig...

Die Supra-Nationalität des Tanzes, wenigstens in der Koordination von Amerika und Schrumpf-Europa, bei uns seit langem ähnlich etabliert wie auf dem Gebiet der Bildenden Kunst, fand in der Sommerakademie einen hervorragenden Förderer, ohne daß es zu Höchstleistungen im einzelnen kam. Da wo Internationalität Befreiung von starren Bindungen, Kontaktfreudigkeit und Horizonterweiterung bedeutet, gehört der Tanz, die älteste aller Künste, zur Avantgarde. Nicht erst seit heute.

René Drommert