Die Bonner Szene stand in der vergangenen Woche schon ganz im Zeichen des Wahlkampfes. Die Unionsparteien legten am Mittwoch voriger Woche eine 20seitige „Dokumentation“ vor, die nach den Worten des Vorsitzenden des innen- und rechtspolitischen Arbeitskreises der Opposition, Friedrich Vogel, linksradikale Tendenzen in der SPD nachweist. Von der angeblichen Gefahr einer „Volksfront von rechts“ könne keine Rede mehr sein; vielmehr laufe die nach dem Godesberger Programm fast linksbürgerliche SPD Gefahr, sich zu einer „Klassenpartei mit Anfälligkeit für linke Volksfront-Tendenzen“ zurückzuentwickeln.

Holger Börner, Bundesgeschäftsführer der SPD, wertete diese Dokumentation als einen Vorgeschmack auf den zu erwartenden Wahlkampfstil der Union, die, wie schon in den fünfziger Jahren, die demokratische Zuverlässigkeit der SPD in Zweifel ziehe. Dieses Papier sei ein „Dokument der Unseriösität“.

Nach Börners Auffassung läßt dieser Auftakt nur Schlechtes für die angestrebte Allparteien-Einigung über einen fairen Wahlkampf erwarten. Die Schatzmeister der Parteien wollen am 17. August über eine finanzielle Begrenzung des Wahlkampfes sprechen.

SPD und CDU haben auch schon die Hauptstoßrichtungen ihrer Wahlpropaganda festgelegt. Die Unionsparteien wollen wirtschaftliche Stabilität und Linkstendenzen der Sozialdemokratie in den Vordergrund rücken; die SPD will die Ost- und Friedenspolitik und aus dem Bereich der Innenpolitik besonders die sozialen Verbesserungen herausstellen. Das CDU-Wahlprogramm soll am 20. August verabschiedet werden.

Die FDP in Nordrhein-Westfalen wird wahrscheinlich mit einem Hamburger in den Wahlkampf ziehen: Rudolf Augstein, Herausgeber des Spiegel, möchte über die Landesliste des für die FDP erfolgreichsten Bundeslandes in den Bundestag einziehen. Eine endgültige Entscheidung wird noch für diese Woche erwartet.

Über die Kandidatenauswahl ist es auch in der SPD zu Auseinandersetzungen gekommen. Zu Wochenbeginn wurde die umstrittene Broschüre der Jungsozialisten bekannt, die einen umfangreichen Katalog von Fragen enthält, die ein Kandidat befriedigend beantworten muß, bevor ihm die Jungsozialisten ihre Stimmen geben wollen. Die Liste – von Zeitungen, die der Opposition nahestehen, als erster Schritt zum „imperativen Mandat“ hochgespielt – enthält Fragen zur Ost- und Deutschlandpolitik, zu Wirtschafts-, Steuer- und Bildungsproblemen. Regierungssprecher Ahlers hat sich in einer offenen Kontroverse mit den Jungsozialisten gegen eine solche „Inquisition“ verwahrt. Sie antworteten mit der Ankündigung, in Bad Kreuznach, wo Ahlers kandidieren will, einen Gegenkandidaten aufzustellen.

Ebenfalls zu Wochenbeginn wurde der persönliche Brief bekannt, den Minister Schiller an den Bundeskanzler geschrieben hat (siehe auch Dokumente der ZEIT). Für die Opposition ist dieses Schreiben ein neuer Beweis für ihre These, daß die Finanzen der Bundesrepublik zerrüttet sind.