Drucker und Setzer streiken gegen die Einstellung der Montagsausgabe

Ein Streik eigener Art bewegt derzeit das streikfreudigste Land der Welt: In Italien erscheinen alle paar Tage die Tageszeitungen nicht. Der Anlaß erscheint sonderbar genug: Drucker und Redakteure streiken, weil sie am Sonntag arbeiten wollen. Die Verleger aller italienischen Tageszeitungen haben die Montagsausgabe eingestellt. Das Personal arbeitet also nicht, weil es sonntags arbeiten will wie bisher.

Die Verleger wären schon damit einverstanden. Aber sie wollen nicht mehr so viel zahlen wie bisher. Sie fühlen sich damit im Recht, seit vor einigen Wochen der Oberste Gerichtshof in einem Urteil ein Gesetz aus Mussolinis Zeiten für ungültig erklärte. Dieses Gesetz verbot die Sonntagsarbeit als unmoralisch. Um dem offenbaren Aberwitz abzuhelfen, daß wegen des Verbotes der Sonntagsarbeit am Montag keine Zeitungen erscheinen können, einigte man sich, nach dem Kriege auf italienisch: Die Verleger zahlten dem technischen Personal für die Sonntagsarbeit hohe Lohnaufschläge, und die Montagszeitungen erschienen.

Das ging so lange gut, wie es den Verlegern gut ging. Aber die überdurchschnittlichen Lohnerhöhungen der letzten Zeit haben inzwischen fast alle Zeitungen ins Defizit gestürzt. Das Gerichtsurteil nahmen die Verleger deshalb zum Anlaß, eine Revision zu fordern. Sie weisen darauf hin, daß die Montagsausgaben allein 30 Prozent der Gesamtkosten aller sieben Wochenausgaben ausmachen: (in Italien erscheinen die Tageszeitungen samstags und sonntags).

In der Tat erhält etwa ein Setzer mit zehnjähriger Dienstzeit in Mailand für die Sonntagsarbeit 180 Prozent Zuschlag auf seinen durchschnittlichen Tageslohn von 50 Mark, zuzüglich 17,50 Mark Sonntagsprämie. Einschließlich der Sozialkosten, die in Italien überwiegend der Unternehmer trägt, kostet die effektive sonntägliche Arbeitsstunde eines solchen Setzers im Durchschnitt 53 Mark, pro Sonntag über 300 Mark.

Die Verleger haben nun vorgeschlagen, daß sich das technische Personal künftig mit 80 Prozent Sonntagsaufschlag zuzüglich Prämie zufrieden gibt. Sie weisen darauf hin, daß auch die Redakteure diesen Satz erhalten und daß alle anderen Berufe weit weniger bekommen: Die ansonsten privilegierten Elektriker von der staatlichen Elektrizitätsversorgung erhalten einen Sonntagszuschlag von 60 bis 75 Prozent, Chemiker und Textilarbeiter 25 Prozent, Transportarbeiter zwischen 20 und 50 Prozent.

Die Zeitungstechniker gingen auf diesen Vorschlag nicht ein. Sie streikten und fanden dabei die Unterstützung der Journalisten. Sogar die Nachrichten-Agenturen und Rundfunksprecher traten aus Sympathien für ihre Kollegen in den Stotterstreik. In unregelmäßigen Abständen, meist alle zwei Tage, herrscht nunmehr an den Kiosken gähnende Leere.