Von Gabriele Venzky

Fünfzehn Tage lang hatte die Welt nichts von Moamar el Gaddafi gehört. Als Radio Tripolis dann eine alte Tonbandrede von ihm abspielte, schien es klar: Der Vorsitzende des libyschen Revolutionsrates, Staatsoberhaupt, Ministerpräsident und Verteidigungsminister war gestürzt worden. Am Ende stellte sich aber heraus: Er bleibt Präsident.

Seit geraumer Zeit schon kriselte es im revolutionären Führungsrat. Die panarabischen Träume, für deren Verwirklichung er Milliarden aus den unerschöpflichen Ölquellen des Landes flüssig gemacht hatte, die unbedachten Angriffe auf den Westen, die er sich angesichts seiner finanziellen Unabhängigkeit leisten zu können glaubte, die antikommunistischen, auf Konfrontation mit der Sowjetunion angelegten Tiraden des islamischen Eiferers, die allzu enge Anlehnung an das ungeliebte Ägypten – all das traf auf wenig Gegenliebe bei den übrigen elf Männern im obersten Führungsgremium des Wüstenstaates.

Vor allem die „Nummer Zwei“ Libyens, Major Abdel Salem Dschallud, beim Putsch gegen König Idris am 1. September 1969 noch der engste Waffengefährte, nun aber der gefährlichste Rivale Gaddafis, trat als Wortführer der Unzufriedenen hervor. Daß Gaddafi freiwillig ausgerechnet ihn mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt hätte, ist wenig wahrscheinlich. In der Tat trägt Dschalluds Ernennungsurkunde zum Ministerpräsidenten nicht die Unterschrift Gaddafis; vielmehr trat er sein Amt kraft einer kollektiven Ermächtigung des herrschenden revolutionären Führungsrats an.

Dennoch dauerte es sechs Tage, bis Dschallud schließlich sein neues Kabinett vorstellte. Dies gab Gerüchten von einem Militärputsch neuen Auftrieb. Es hieß, Gaddafi sei bereits am 5. Juli auf den Stufen von Radio Libyen verhaftet worden und werde seitdem in einer Kaserne gefangengehalten; er habe versucht, sich in einem Appell direkt an die Nation zu wenden, als er merkte, daß es im Revolutionsrat bei der Diskussion über Führungsstil und Prioritäten für die Entwicklung des Landes elf zu eins gegen ihn stand.

Die Tatsache freilich, daß im neuen siebzehnköpfigen Kabinett nur zwei Militärs sitzen, nämlich Dschallud als Ministerpräsident und Major El-Huni als einflußreicher Innen- und Sicherheitsminister, ist eher ein Zeichen dafür, daß Gaddafi noch nicht ganz aufs Abstellgleis geschoben ist. Denn gerade sein Wille, zivile Technokraten in die Regierung zu holen und den Einfluß der Militärs einzudämmen, hatte ja den äußeren Anlaß zu den Auseinandersetzungen geliefert.