ARD, Montag, 17. Juli: „Der Film des Henkers“

Den deutschen Gruß“, sagte der Richter, als der Angeklagte aufstand, unbeholfen, weil man ihn in eine viel zu weite Hose gesteckt hatte, und die Hand erhob, „wenden nur Volksgenossen an, die Ehre haben.“ Roland Freisler gebärdete sich der preußischen Generalität gegenüber wie ein betrunkener Gutsherr, der sein Mütchen an den Landarbeitern kühlt, die sich, schlipslos, mit der Strickjacke und in Holzpantinen, vor ihrem Herrn zu rechtfertigen suchen. Ein Mann, der sechs Jahre vor dem Mordtribunal des 20. Juli geschrieben hatte: „Rede gelingt nur, wenn sie von einem warmem Herzen getragen wird. Die Rede muß Schall gewordenes Herz sein“, brachte jetzt an den Tag, was der Faschismus unter Herzenswärme verstand.

Der Weg, den die Rede nach Freislers Traktat „Gerichtliche Rede-Kunst im Strafverfahren“ zum Herzen des Hörers finden müsse, um den Willen in der Hoffnung zu befruchten, „daß aus der Befruchtung die Frucht im Herzen, Hirn und Willen des Hörers reife“... dieser Rede-Weg war, wie die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof bewies, identisch mit dem Weg eines Projektils. Der Mund des Redenden entsprach der Öffnung einer Waffe, und dies durchaus im Sinne Sigmund Freuds: der Revolver als Phallus, die Rede als ein Geschlechtsakt, an dessen Ende die Notzüchtigung derjenigen steht, die dem allmächtigen Redner preisgegeben sind. Nicht ohne Grund nennt Freisler in seiner Programmschrift den Rhetor einen gottbegnadeten Künstler, spricht von der befruchtenden Kraft der Rede und vergleicht das Plädoyer vor Gericht mit einem Zur-Schau-Stellen jener virilen Potenz, mit der die Natur den Mann, der Mann ist, ausgestattet hat: „Wenn die Natur den Schöpfungsakt vollbrachte, so tritt die feierliche Erschlaffung ein. So ist es auch beim Redner.“

Das Freislersche Tribunal als ein theatralisch ausgeführter Geschlechtsakt, bei dem sich der Knecht, der Herr sein will, an seiner Herrschaft rächt; das Geschrei der Notzucht und das tierische Gebrüll der Vergewaltigung; die sexuelle Befriedigung, die der Sadist empfindet, wenn der Partner gedemütigt wird; die Lust, die Hitler und die Seinen genossen, als sie sich die Hinrichtungsszenen vorspielen ließen (gleißendes Licht, der Todeskampf nach Goebbels’ Willen unter optimalen technischen Bedingungen gefilmt, den Sterbenden ein Mikrophon vor den Mund gehalten, damit das Röcheln der Erhängten nicht verlorenging)... Die sexuelle Begründung faschistischer Herrschaft wurde deutlich, als die Verhörszenen vor dem Volksgericht abrollten und Zeugen die Hinrichtungskulisse beschrieben – die Exekution als theatralische Schaustellung, beginnend mit der Anlieferung der Todeskandidaten, Graf Yorck heiter und lächelnd, als ob er zum Tanzabend ginge, endend mit der Kreuzigung am Fleischerhaken.

Und dies alles gefilmt als Normalität, mit dösenden und verschüchterten Polizeibeamten, auch sie Freislers Opfer und nicht seine Komplicen; mit einem Baron, der seinen Beichtvater preisgab, um das eigene Leben zu retten (als Freisler dem Kaplan das Gnadengesuch des Beichtkinds vortrug, litaneiartig und zelebrierend: ein einziges „Also, da haben wir’s ja“, wurde sichtbar, was er mit den Worten gemein: hatte: „Die Rede soll unverfälschte Ausstrahlung der Persönlichkeit sein“ ...). Das alles jener ganz alltägliche Faschismus, zu dem Mord, Gebrüll und Demütigung wie Essen, Schlafen und Trinken gehören.

Die Szenen sprachen für sich selbst; sie verdienten es nicht, durch einen geschwätzigen Bericht über ihre Auffindung, angereichert durch nichtssagende Interviews, die aus dem Findungsprozeß eine Kriminalstory machten, verharmlost zu werden.

Gezeigt werden sollte, wie die Faschisten, sich selbst darstellend, ein Schauspiel inszenierten, das nicht nur ein Schauspiel war. Dies, und nichts anderes, mußte vorgeführt werden. Die Dokumentation selbst reichte aus; die Freislersche These, daß die Macht einer Persönlichkeit nicht durch den Bildstreifen des Films zu übertragen sei, wurde widerlegt.

Widerlegt von den Angeklagten, die bewiesen, daß gedemütigt das Gegenteil von entwürdigt sein kann. Momos