In dieser Ausgabe veröffentlichen wir als erste Zeitung den vollständigen Wortlaut eines Memorandums, das der sowjetische Atomphysiker Andrej Sacharow im Frühjahr vorigen Jahres an den Generalsekretär Breschnjew geschickt und das er jetzt westlichen Korrespondenten in Moskau zugänglich gemacht hat, weil er über ein Jahr lang keine Antwort auf sein Schreiben erhielt.

Sacharow, dessen erstes Memorandum die ZEIT im August 1968 – ebenfalls im vollen Wortlaut – nachdruckte und der im November 1970 in Moskau ein „Komitee für die Menschenrechte“ gründete, geht es bei all seinen Bemühungen darum, mit der sowjetischen Führung in eine öffentliche Diskussion über die Menschenrechtsprobleme einzutreten. Er schreibt keine Samidat, keine Untergrundliteratur, sondern wendet sich direkt an die verantwortlichen Führer.

Diesmal geht es ihm um eine Charta der Menschenrechte für die Sowjetunion und um eine Neuorientierung der sowjetischen Wirtschafts- und Außenpolitik. In seinem Brief an Breschnjew wendet er sich gegen politische Verfolgungen und psychiatrische Zwangsmaßnahmen, und er wirbt für Freiheit des Austausches von Informationen und der Ausreise von sowjetischen Bürgern.

Man möchte nicht nur den Freimut Sacharows bewundern, sondern auch hoffen dürfen, daß es kein Zufall ist, wenn solche Gedanken heute in der Sowjetunion vorgebracht werden können. D. Z.