Nun hat man also gelesen, warum Karl Schiller aus dem Amt geschieden ist. Was bisher nur – freilich begründete – Vermutung war, ist Gewißheit geworden: Ausschlaggebend für den Rücktritt war nicht allein die Desavouierung in der Kabinettssitzung vom 29. Juni. Die Differenzen zwischen dem Superminister und der Kabinettsmehrheit, zu der sich in letzter Stunde auch der Kanzler schlug, über die Wirtschafts- und Finanzpolitik waren unüberbrückbar geworden.

Peinlich bleibt für die Regierung, daß ein als „Persönlich“ gekennzeichneter Brief eines Ministers an den Kanzler nach drei Wochen bekannt wird. Schiller versichert, daß er sein Exemplar immer streng unter Verschluß gehalten hat. Man kann davon ausgehen: Wenn der Minister gewünscht hätte, daß sein Brief der Öffentlichkeit bekannt wird, hätte er sich wohl als Publikationsorgan nicht ausgerechnet jene Illustrierte ausgesucht, die seit der Veröffentlichung der Bahr-Papiere im Rudi des Geheimnisverrats steht. Die „undichte Stelle“ wird wohl nicht mehr gefunden werden. Die Kunst, Familienstreit unter sich auszumachen, hat diese Regierung sowieso nie beherrscht.

Zweifelhaft erscheint es jetzt, ob Karl Schiller „auf irgendeinem der vorderen Listenplätze“ in Nordrhein-Westfalen für die Sozialdemokraten kandidieren wird, wie Ministerpräsident Heinz Kühn frohgemut versichert. Dies ist allerdings zunächst ein Problem der Partei und des Mannes, der sich noch einmal für sie engagieren soll. Die Regierung aber muß eine andere Frage beantworten: Hat Schiller in der Sache recht oder nicht? Den Vorwurf, die Finanzpolitik der Regierung erwecke nach außen den Eindruck, sie lebe nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“, können Willy Brandt und seine Minister nicht einfach stumm zur Kenntnis nehmen. Wer dazu schweigt, der gesteht. dst.