Nichts, so postulierte Albert Einstein in seiner speziellen Relativitätstheorie, ist schneller als das Licht. Mit diesem ehernen Gesetz der Physik haben Astronomen seit einiger Zeit argen Kummer.

Unlängst erst glaubten Sterngucker entdeckt zu haben, daß zwei Quasare – wahrscheinlich sehr weit entfernte, sternartige Gebilde – mit mehr als Lichtgeschwindigkeit auseinanderfliegen. Die gewaltige Entfernung dieser kosmischen Objekte läßt es allerdings als möglich erscheinen, daß sich bei jener Geschwindigkeitsmessung unvermeidbare Fehler eingeschlichen hatten.

Jetzt freilich ist einer amerikanischen Astronomengruppe wieder eine Überlichtgeschwindigkeit am Himmel aufgefallen, und diesmal in einer weitaus geringeren Entfernung von der Erde, nämlich bei einer Seyfert-Galaxie.

Diese Sternsysteme gelten als die jüngsten Spiralnebel im Universium. Sie sind überaus aktiv und schon aus diesem Grunde beliebte Objekte der Beobachtung.

Die Astronomen Shaffer, Cohen, Jauncy und Kellerman beobachteten die Seyfert-Galaxie 3C 120 und widmeten dabei ihre Aufmerksamkeit den Radiostrahlung aussendenden Staub- und Gaswolken, die von dem Kern des Spiralnebels ausgestoßen worden waren. Die Forscher bedienten sich eines Tricks, der es erlaubt, einen Raum von nur 0,001 Bogensekunden Ausdehnung zu vermessen, der Interferometrie. Bei diesem Verfahren werden zwei weit voneinander entfernte, jedoch miteinander gekoppelte Antennen auf das Beobachtungsobjekt gerichtet. Die eine von den vier Radioastronomen verwendete Antenne steht in Kalifornien, die andere an der US-Ostküste in Massachusetts.

Das Ergebnis: Innerhalb von acht Monaten hatten die auseinanderstiebenden Teile der Galaxie einen Weg zurückgelegt, der einer relativen Fluggeschwindigkeit entsprach, die zwei- bis dreimal so groß wie die Geschwindigkeit des Lichtes gewesen sein mußte – im Widerspruch zu Einsteins Theorie, an deren Gültigkeit nach bisherigen Erfahrungen kaum Zweifel möglich sind.

Vielleicht ist jene Seyfert-Galaxie gar nicht so weit von uns entfernt, wie man bisher geglaubt hat, so daß die beobachtete Überlichtgeschwindigkeit nichts anderes als eine Fehlkalkulation wäre.

Das aber würde bedeuten: Der Elle der Astronomen für galaktische Entfernungsbestimmungen, der Rotverschiebung im Lichtspektrum als Maß für die Distanz, wäre nicht mehr zu trauen. Just dieser Verdacht ist schon bei den zu schnellen Quasaren geäußert worden. G. Haarand