Laufen Jugoslawiens politische Uhren wieder rückwärts? Es sieht ganz danach aus. Der serbische Innenminister weckt primitive Einkreisungsängste: Von allen Seiten sei das Land bedroht, von den Tschetnik-Royalisten, den Ustaschi-Faschisten, den albanischen Autonomisten und den Rankovic-Anhängern. Das (auf Brioni versammelte Parteipräsidium schleift wieder das alte Messer der permanenten Säuberung. Die Abrechnung mit den Nationalisten, das heißt mit allen, „die gegen die Interessen des werktätigen Volkes handeln“, bleibe auch nach der kroatischen Säuberung aktuell. Da die nationalistischen Kräfte sich „umgruppieren“, müsse der „verschärfte Kampf“ auf die Kultur, auf Schulen, Universitäten, Kirchen, Gerichte und Verwaltungsbehörden des ganzen Landes ausgedehnt werden. Schon wird in Belgrad an hoher Stelle der Ruf nach mehr Klassenbewußtsein in den Massenmedien laut und wird die Forderung nach Pressefreiheit als Versuch bezeichnet, „unannehmbare Thesen aufzuzwingen- und Verwirrung zu stiften“.

Als dogmentreue Vorleistung haben jugoslawische Blätter die „Terroraktionen“ einer angeblich in die bosnischen Berge eingedrungenen Emigrantentruppe weidlich ausgenützt, um auf die alte Art antiwestliche Gefühle zu schüren. Daß vieles an dem Fall völlig ungeklärt ist – es gibt keinerlei Detailinformationen, keine Beweisstücke, keine Photos über erbeutete westliche Waffen oder zur Strecke gebrachte, im Westen ausgebildete Terroristen –, scheint die Agitprop-Ankläger nicht zu stören.

Man wird den Verdacht nicht los, daß in Jugoslawien einflußreiche politische Kreise daran interessiert sind, mit „konterrevolutionären Gefahren“ zu zündeln und systematisch das Bild des „kranken Mannes an der Adria“ auszumalen, der zur Heilung einer ideologischen Roßkur bedarf. Hinter selbstgebastelten Krisenkulissen warten die Anhänger einer Politik der starken Hand auf ihre Stunde, die schon durch die Befriedungs- und Strafaktion gegen Kroatien eingeläutet wurde. Sie möchten aus dem Band jenes Leninordens, den sich der greise Tito kürzlich im Kreml umhängen ließ, eine Kette schmieden, von der Jugoslawien nicht mehr loskommt. A. K.