In Nordirland geht der blutige Terror weiter. Nachdem die Oranien-Paraden wider Erwarten ohne Zwischenfälle verlaufen waren, setzten die Schießereien unmittelbar danach mit unverminderter Heftigkeit wieder ein. Zum erstenmal verwendeten IRA-Terroristen dabei auch Raketengeschosse.

Die Belfaster Lenadoon Avenue, einer der kritischsten Punkte der Stadt, ist zum Testobjekt geworden, an dem beide Seiten ihre Kräfte messen. Eine leerstehende Häuserzeile in einem protestantischen Viertel war hier von Katholiken besetzt worden. Am vergangenen Wochenende kam es an dieser Stelle zu heftigen Gefechten zwischen der IRA und der britischen Armee. Als die Truppen sich weigerten, ihre Stellungen aufzugeben, kam es zu einem Massenexodus von Frauen und Kindern. Über 4000 Personen campierten zeitweilig in einem nahegelegenen Park und auf einem Fußballfeld.

Nordirlandminister Whitelaw kündigte an, die Armee werde künftig Gewalt mit Gewalt beantworten. Der Minister hat sich nach seinem Geheimtreffen mit Führern der provisorischen IRA heftige Kritik gefallen lassen, müssen. Er verlor nicht nur das Vertrauen der irischen Protestanten; auf einer Sitzung des Nordirlandausschusses der konservativen Unterhausfraktion wurde auch sein Rücktritt und die Verhängung des Kriegsrechts gefordert. Ungerührt davon kündigte Whitelaw eine Verschiebung des für September vorgesehenen Plebiszits über die Wiedervereinigung Irlands an, da dies angesichts der angespannten Lage zum endgültigen Ausbruch des offenen Bürgerkriegs führen könne. Überraschend ist allerdings das Umfrage-Ergebnis der irischen Zeitschrift „Fortnight“ zum Thema Wiedervereinigung. Danach würden nur 25 Prozent der katholischen Wähler für, aber 40 Prozent gegen die Wiedervereinigung stimmen.

Unterdessen hat auch der Stabschef der sogenannten offiziellen IRA angedeutet, daß seine Fraktion unter bestimmten Umständen ebenfalls die Waffenruhe aufkündigen könnte.